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Spiritualität
Beschreibung
Spiritualität bedeutet die Hinwendung zur höheren, geistigen Wirklichkeit. Im ersten Vortrag des Heftes spricht Geistlehrer Josef von der Schatzkammer in der Seele des Menschen, von den Kostbarkeiten, die Gott in das Innerste eines jeden Menschen gegeben hat. Es sind die hohen Tugenden und Gefühle, die wieder geschätzt und offengelegt werden möchten. Im zweiten Vortrag zeigt Lene verschiedene Wege der Meditation. Sie erklärt, wie man im Geiste mit seinem Schutzengel in ein Gespräch kommen und mit seiner Hilfe die Lebensaufgaben besser erfüllen kann – beispielsweise im Umgang mit dem Mitmenschen den Frieden und die wohlwollende Gesinnung zu pflegen. Im dritten Vortrag beleuchtet Lene die gegenseitige Beeinflussung von Leib und Seele. Das höhere Ich im Menschen weiss mehr über den Sinn und das Ziel seines irdischen Daseins; denn es ist verbunden mit der Ewigkeit und vertritt die Interessen seiner höheren Welt. Um gesund und glücklich zu sein, möchte die Seele gehört werden; sie will durch den ganzen Menschen zum Ausdruck bringen, was sie an göttlichen Werten in sich hat.
Themenheft 2/2021: Spiritualität
Inhalt
Der Ruf der Seele
Josef, 23. April 1955 (Ausschnitt)
Der Ruf der Seele
Spiritualität bedeutet die Hinwendung zur höheren, geistigen Wirklichkeit. Der spirituelle Mensch sucht und findet sein Glück in seinem Innersten. In seiner eigenen Seele erkennt er die hohen Werte und Gefühle, den Anteil am Ewigen, den Gott in das Innerste eines jeden Menschen gegeben hat.
Josef: Gott zum Gruss. Meine lieben Freunde, das Verlangen nach Glück liegt wohl in jedem Menschen; doch sind die Ansprüche verschieden. Der eine glaubt, zum Glück gehöre viel Geld und irdisches Gut. Dabei gibt es Menschen, die trotz ihres Reichtums sehr unglücklich sind. Ein anderer klagt, wenn er gesund wäre, wäre er glücklich. Ein Dritter behauptet, er wäre glücklich, wenn er den Beruf hätte erlernen dürfen, den er sich wünschte; so aber sei sein Leben nicht, wie er es sich erträumte, und er würde nie glücklich werden, weil er keine Freude an seiner Arbeit finde. Wieder ein anderer klagt, er wäre wohl glücklich, wenn er seine Schwächen überwinden könnte. Ein Weiterer klagt, dass er nicht den passenden Ehepartner gefunden habe; daran liege es, dass er nicht glücklich sei.
Vieles, vieles finden die Menschen, dem sie die Schuld zuschieben, dass sie das Glück noch nicht gefunden haben. Dabei sind ihrer nur wenige, die sich fragen: “Habe ich auch wirklich alles getan, um mein Leben glücklich zu gestalten?” Wie wenige fragen sich selbst: “Was habe ich gefehlt, dass mein Leben nicht so ist, wie ich es mir wünsche?”
Darum, liebe Freunde, sind wir Geistwesen so sehr um das Wohl, um das Glück des Menschen besorgt. Wir möchten unsere Freunde glücklich, freudig sehen. Und wenn ihr nun überlegt, was wir Geistwesen denn unter Glück und Freude der Menschen verstehen, so sage ich euch: Gott hat die Menschen in diesen wunderbaren irdischen Garten gestellt. Darin sollen sie leben, wirken und glücklich sein. Gott hat ihnen zur Freude so viel Schönes gegeben. Wohl aber sind diese irdischen Freuden vergänglich, und es entwickelt sich daraus keine geistige Kraft. Da es aber Gott gefallen hat, euch, liebe Freunde, in diesen wunderbaren Garten zu stellen, in dem ihr leben, wirken und glücklich sein sollt, machen wir Geistwesen euch Menschen immer wieder auf euer wertvolles Leben aufmerksam.
Aber wir empfehlen euch immer wieder die geistigen Freuden, die geistigen Freuden soll der Mensch geniessen. So viele erkennen immer noch nicht, dass sie in ihrem Innersten einen wunderbaren Schatz besitzen, eine grosse Kostbarkeit, und dass dort die wunderbaren, geistigen Freuden zu finden sind. Denn dieser glühende Funke, den Gott in das Innerste eines jeden Menschen gegeben hat, er strahlt die feinsten Kräfte aus; es sind die edelsten Regungen und Gefühle im Innersten des Menschen. In seinem Innersten also trägt der Mensch – ich könnte sagen – eine Schatzkammer. Das Tor dazu muss jedoch jeder Einzelne aus eigener Kraft öffnen können. Er muss selbst die Kostbarkeiten aus seinem Innersten herausholen und ihren Wert schätzen lernen. Denn es gibt viele Freunde, die schon in einem gewissen Alter sind und, ich möchte sagen, müde geworden sind. Sie haben die Kostbarkeiten des irdischen Lebens gekostet. Daraus aber haben sie keine Kraft gewonnen, um auch im Alter darin eine Stütze zu besitzen. All das Erleben irdischer Freuden von einst hat ihnen keine Kraft, keinen Gewinn gebracht.
Nun mache ich meine Freunde auf diese wunderbaren geistigen Freuden aufmerksam, die dem zuteilwerden, der die Kraft besitzt, das Tor zu seiner Schatzkammer zu öffnen, wo all das Wunderbare in seinem Innersten ständig durch den immerglühenden Gottesfunken erwärmt wird, damit der Mensch darin leben und glücklich werden kann, sobald er seinen göttlichen Gefühlen zum Ausdruck verhilft. Doch bis dahin hat er vieles zu überwinden. Er muss zur Erkenntnis gelangen, dass weder das irdische Gut noch all das, was die irdische Welt zu bieten vermag und was auf viele so gewaltigen Eindruck macht, zählt oder glücklich macht.
Ihr könnt doch selbst beobachten, wie viele Menschen unglücklich sind, denen es nicht an Geld und Gut mangelt. Ja, wie kann man denn einem solchen Menschen klarmachen, dass es geistige Freuden gibt, ein geistiges Glück, das man schon als Mensch geniessen kann? Ich betone, dass dafür das Tor zu eurer inneren Schatzkammer geöffnet werden muss und ihr die Kraft dazu nur dann erhaltet, wenn ihr zunächst vieles überwindet – wenn ihr also erkennt, dass das Glück nicht in all dem Geschehen und Erleben der irdischen Welt zu finden ist, dass die Freude von innen heraus kommen muss, dass etwas vorhanden ist, was ständig eine wunderbare Kraft ausströmt, und man nach dieser Kraft suchen, sie ergründen kann, also diese Schatzkammer mit all den Werten, die in ihr liegen. Denn um geistig glücklich zu sein, muss jeder zuerst bei sich selbst Ordnung schaffen, die Zufriedenheit. In sich selbst muss er das Glück spüren, damit er diese Feinheiten aus sich selbst holen kann, zum Heile für sich selbst wie für das seiner Mitmenschen. Denn erst, wenn der Mensch den Frieden in sich selbst gefunden hat, wird er fähig, Frieden um sich zu halten und auszuströmen. Und wenn er in seinem Innersten nach der Freude sucht, wie vieles wird er da finden, was ihn beglücken kann. Er wird erkennen, dass er selbst nicht der Nehmende, sondern der Gebende sein soll.
Wie oft beklagt der Mensch seinen eigenen Zustand, weil er zu sehr in diesem irdischen Geschehen lebt, weil all das Materielle einen solch gewaltigen Eindruck auf ihn macht, weil er so wenig Glauben und Vertrauen hinsichtlich der geistigen Hilfe hat. Ja, ein solcher Mensch wird nie fähig sein, dieses Tor zu seiner Schatzkammer ganz öffnen zu können. Er wird hie und da vielleicht einen Anlauf dazu nehmen und manchmal voll der besten Vorsätze sein, weil durch eine kleine Öffnung des Tores etwas Kraft ausströmen konnte. Aber schon bald wird er vom Treiben der irdischen Welt wieder abgelenkt und beeindruckt. Dann, mit dem Dahinschwinden seines Gottvertrauens, schliesst sich das Tor zu seiner Schatzkammer aufs Neue.
Darum ist es notwendig, dass der Mensch zuerst an sich selbst arbeitet und streng ist mit sich selbst. Ein jeder kann glücklich sein, wo er steht und geht, wenn er auch nicht den gewünschten Beruf erlernen konnte, wenn auch kranke Menschen um ihn sind oder, gleichfalls, wenn auch seine Kinder nicht so sind, wie er sie haben möchte, oder selbst wenn dieses und jenes Unglück über ihn hereingebrochen ist. Trotzdem soll der Mensch glücklich werden und den Wert des Lebens erkennen, da ihn doch Gott in dieses Erdenreich gesandt und ihn – je nach seiner Kraft – mit grösseren oder geringeren Aufgaben und Sendungen betraut hat. Wenn ein Mensch erkennt, dass er von Gott in dieses Erdenreich gesandt wurde, dass er hier eine Aufgabe erfüllen muss, so soll er doch zufrieden sein. Denn Gott wird ihn dafür belohnen, wenn er die Aufgaben in seinem Leben erfüllt. Dazu ist doch immer wieder zu sagen, dass ein jeder dafür zu sorgen hat, dass er aus seinen Verhältnissen heraus das Beste von sich gibt. Was er einstmals versäumt hat, wird nicht immer gutzumachen sein; doch das kann von jedem verlangt werden, dass er aus seinen Verhältnissen heraus das Beste zu machen versucht.
Oftmals glaubt der Mensch, wenn er dieses oder jenes hätte oder wenn er von diesem oder jenem Übel befreit wäre, dann wäre er glücklich. Ich habe schon anfangs gesagt, dass viele Menschen, die über all das verfügen, worin andere ihr Glück zu sehen vermeinen, sehr unglücklich sind. So könnte es auch in deinem Falle sein, lieber Freund, wenn du über diesen Reichtum verfügtest, den du dir zu deinem Glücke wünschst. Es könnte sein, dass du dann unzufriedener, unglücklicher wärst, als du es heute bist. Wenn in deinem Plane jedoch dieses oder jenes Schicksal gezeichnet ist, so hast du es durchzustehen. In deiner Kraft und Möglichkeit liegt es aber, es selbst zu erleichtern, indem du dir Mühe gibst und versuchst, das Beste aus deinem Leben zu machen, indem du immer ein gesundes Denken pflegst und in vernünftiger Art und Weise alle Dinge in jeder Situation gut überlegst. Denn leider ist es so, dass viele Menschen die Wirklichkeit nicht erkennen, dass sie das gesunde, logische Denken nicht pflegen und ihren Wünschen entsprechend ihrer Fantasie freien Lauf lassen.
Deshalb ist uns so sehr daran gelegen, die Menschen auf ihre Pflichten aufmerksam zu machen und dass sie all die edlen Gefühle pflegen, aus denen heraus ihnen so viel Kraft erwächst. Denn dadurch verbinden sie sich mit jenen herrlichen Mächten, die sie führen und sie zu den Erkenntnissen inspirieren, die für sie notwendig sind. Wenn der eine oder andere Unglück gehabt hat und diesem Umstand die Schuld zuschiebt, dass er in seinem Leben keinen Erfolg hat, da möchte ich nur sagen: Wenn du trotzdem Erfolg gehabt hättest, so wäre dieser irdische Erfolg doch nicht zu deinem Segen geworden. Du hättest dich damit mehr belasten können. Hier möchte ich auf die Worte Christi aufmerksam machen: “Was nützte es dir, wenn du die ganze Welt gewännest, an deiner Seele aber Schaden nähmest?” (Luk. 9, 25). Darum, meine lieben Freunde, ermahnen wir euch alle doch so sehr zur Pflege der geistigen Kräfte in euch, dass ihr nun mit euren Kräften versuchen sollt, das Tor zu eurer geistigen Schatzkammer zu öffnen, damit all die wunderbare Kraft aus euch herausströmen kann. Wer das tut, den werden diese herrlichen Kräfte durchs Leben begleiten; er wird den Segen spüren, der aus seinem Innern kommt. Das heisst den inneren Frieden pflegen und erhalten, dann wird er mehr Verständnis, mehr Wohlwollen aufbringen für die Mitmenschen. Darum dringen wir so in euch. Versucht das innere Leben zum Ausdruck zu bringen, dann wird der eine und andere nicht mehr über dieses und jenes zu klagen haben; denn es werden sich Kräfte in ihm entwickeln, wenn es ihm gelingt, das Tor zu seiner Schatzkammer aufzustossen. Dann werden ihn diese Kräfte begleiten bis in sein Alter.
Beobachtet einmal jene – und ihnen sei Lob dafür –, die schon von Jugend an diese Verbindung zur Gotteswelt pflegen. Auch wenn sie alt werden, zeigen sie noch eine geistige Frische. Also wenn der Mensch schon beizeiten an sich arbeitet, entwickeln sich in ihm diese geistigen Kräfte, die unvergänglich sind, sodass er sich auch im Alter noch froh und glücklich fühlt, was ihm zu dieser geistigen Frische verhilft. Jene aber, die in ihren jungen Jahren nur für die irdischen Herrlichkeiten lebten, sie werden im Alter nicht von diesen geistigen Kräften zehren können. Nein, sie werden müde sein, und klagen werden sie über alles, was um sie ist und geschieht, wenn sie in ihren jüngeren Jahren nur das Irdische auf sich einwirken liessen und nicht nach dem Geistigen fragten. Wer aber das Vertrauen zu Gott hat und diese Kraft aufbauen kann, der wird bis zu seiner letzten Stunde von diesen göttlichen Kräften begleitet sein, denn sie sind nicht zu vernichten. Was der Mensch in dieser Weise einst gesät hat, wird ihm Gewinn bringen in der Zeit, da er solchen am meisten braucht; also in Zeiten der Not wird er diese geistige Kraft ganz besonders spüren. Darum, liebe Freunde, machen wir euch auf dieses geistige Glück aufmerksam. Nach geistigen Freuden sollt ihr suchen und nicht nach irdischen.
Ein Vorteil bietet sich einem jeden, wenn er abends, wenn er sich zur Ruhe begibt, überlegt: “Was durfte ich heute an geistigen Freuden erleben? Und was an geistigen Freuden habe ich andern bereitet?” So soll der Mensch forschen, dann wird er immer tiefer in dieses geistige Reich eintreten, und alles Irdische wird nicht mehr so grossen Eindruck auf ihn machen. Viele Dinge werden ihm unwichtig erscheinen, und trotzdem wird er seine Pflicht im Leben erfüllen. Das ist es, was wichtig ist: Der Mensch soll selbst erkennen, was seine Pflicht ist. Denn Gott hat ihn in diesen Garten der Erde gestellt, dass er seine Aufgaben darin bestelle und gleichzeitig auch in den geistigen Freuden lebe. Dazu braucht es das lebendige Gebet um Kraft; es braucht diese wunderbare Verbindung, die dadurch hergestellt wird, wenn der Mensch zugleich die geistigen Freuden pflegt und darin lebt. Dann wird sein Leben zu einem Gebet. Dann wird er gekräftigt, dann kommen die himmlischen Helfer und stehen ihm bei, dann kommen diese wunderbaren geistigen Helfer der Erkenntnis, und er beginnt zu ahnen, warum er zuweilen auch Not und Leid durchzustehen hat.
So sagen wir doch immer, dass ein jeder von seinem Platze aus geistig so viel zu wirken vermag; dass er versuchen soll, das Beste aus seinem Leben zu machen, aus den gegebenen Verhältnissen heraus, dass er an seinem Platze geistige Kräfte zu entwickeln hat, damit er seinen Mitmenschen davon geben kann. Denn leider ist es so, dass der Mensch viel zu viel von sich selbst spricht und nur sich selbst beklagt. Wenn er dagegen wirklich zuerst nach dem Reiche Gottes trachten würde, würde ihm alles gegeben, was er benötigt, denn Christus hat es versprochen – und so ist es auch. Der Mensch sollte zu dieser Einsicht gelangen, dass er zuerst nach dem Göttlichen trachten muss, damit ihm die himmlischen Kräfte mit Trost und Führung beistehen. Doch muss er sich öffnen und hören können, was die himmlische Welt ihm mitzuteilen hat, damit er die Wege, die er gehen muss, erkennt.
Wenn in deinem Leben, lieber Freund, viel Schweres ist, so versuche es doch in Erhabenheit zu tragen und dir vorzustellen, dass du für deine Geduld und dein Ausharren endlich eine wunderbare Belohnung erhältst – aber nur dann, wenn du es in Geduld und Erhabenheit getragen hast, wenn du immer wieder versuchst, Frieden auszuströmen, wenn du immer wieder versuchst, mit Liebe zu antworten, wo dir keine Liebe entgegengebracht wird.
Meine lieben Freunde, so versucht bei euch selbst das Tor zu eurer geistigen Schatzkammer zu öffnen, damit ihr diesen wunderbaren Reichtum bestaunen und bewundern könnt und seinen Wert schätzen lernt. Dann werdet ihr erkennen, wie not es tut, dass diese Kostbarkeiten aus dem Innersten hervordringen können. Es ist das, was euch immer wieder empfohlen wird: in Liebe und Geduld mit den Nächsten zu leben, wohlwollend zu sein und den Frieden zu halten.
Wer aber denkt, dass ihr heute wie immer dieselben Ermahnungen vernehmt, der erkennt den Wert, diesen geistigen Reichtum, nicht, der in jeder Seele liegt, weil er nicht die Kraft besitzt, das Tor dazu zu öffnen. So empfehle ich euch nun neben dem andern, das euch schon empfohlen wurde – diese Rückschau, die ihr halten solltet, was ihr nicht tut –: Versucht in der nächsten Zeit nach den geistigen Freuden zu suchen, die ihr euch selbst verschaffen könnt. Forscht danach, womit ihr euren Mitmenschen geistige Freuden bereiten könnt. Dann werdet ihr selbst mehr Freude am Leben haben. Ihr werdet erkennen, dass ihr eure Aufgaben leichter erfüllt, wenn ihr nach diesen geistigen Werten trachtet. [...]
Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrer Josef vom 23.4.1955 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Erstveröffentlichung in der Zeitschrift “Geistige Welt”)
Pflege des spirituellen Bewusstseins
Lene, 21. Februar 1962
Pflege des spirituellen Bewusstseins
Der nach innen ausgerichtete Mensch versucht jeden Tag, etwas zum Heil seiner Seele zu gewinnen. Wenn die Seele ihre Nahrung erhält, vermag sie dem ganzen Menschen Gesundheit, Lebensfreude und Mut zu geben.
Lene: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, zwischen dem materialistisch eingestellten Menschen und dem nach innen gerichteten Menschen sind grosse Unterschiede. Der materialistische Mensch will seinen Erfolg sehen; dieser muss spürbar für ihn sein, dann ist es für ihn von Bedeutung. Der nach innen gerichtete, Gott zugewandte Mensch weiss, dass die Verdienste aus seinen Bemühungen nicht sichtbar sind – sein Reichtum oder sein Gewinn ist nicht besonders zu erkennen. Er weiss aber auch, dass die Geisteswelt Gottes, die er verehrt, für die er lebt und wirkt, von grosser Bedeutung ist, dass man aber dieses Reich nicht sehen kann. Es ist nicht sichtbar, nicht spürbar für den gewöhnlichen Menschen; so sind die Gewinne nicht sichtbar und nicht spürbar für ihn.
Man kann über vielerlei Dinge meditieren. Der nach aussen gerichtete, materialistische Mensch kann auch meditieren. Aber er meditiert in erster Linie über Dinge, die bei ihm einen sichtbaren Erfolg zeitigen. Freilich kann auch der nach aussen gerichtete Mensch eine religiöse Ader haben. Aber es gibt eigentlich nur eines, es gibt nur eine Linie: Wenn Menschen auf dieser Ebene stehen und sich sagen können: “Ich strebe Gott zu, ich bin in allen Dingen nach innen und nach dem Reich Gottes ausgerichtet”, dann sind sie keine Materialisten. Die irdische Materie bedeutet ihnen so viel wie nichts, sie kämpfen nicht um irdischen Gewinn. Ja sie mögen manchmal vieles vernachlässigen, es ist ihnen ganz gleich, denn sie stehen eigentlich nicht so richtig auf dem Boden dieser irdischen Welt. Sie streben nach den geistigen Höhen.
Wenn nun der nach aussen gerichtete Mensch über die sichtbaren Gewinne und Erfolge meditiert und sich daneben auch dem Göttlichen zuwendet, so kommt es ganz auf seine geistige Entwicklung an oder auf den grössten Teil seiner Taten: ob er mehr an Gutem leistet, ob er für das unsichtbare Reich unbewusst doch mehr leistet als bewusst für die sichtbare Welt.
Menschen können kein Urteil geben über ihren Nächsten. Die Geisteswelt Gottes zieht ihre Schlüsse. Wir sagen, der nach innen ausgerichtete Mensch hat einen besonderen Vorzug. Er anerkennt Gott als den Herrn über die unsichtbare Welt, über das Reich, das man während der Zeit des Lebens anstrebt. Der verinnerlichte Mensch will diesem Reiche Gottes dienen, und er möchte in der Meditation ganz besonders Gott nahekommen. Er hat auch seine Sorgen im Alltag, er hat manchmal auch eine wunde Seele. Er ist mit vielen Dingen nicht einverstanden, was seine Mitmenschen tun. Es gibt also für diesen nach innen ausgerichteten Menschen ebenso Probleme, und er versucht die Probleme zu lösen in der Meditation.
Es wird euch hier Gelegenheit geboten, Gott näherzutreten und der Seele diese Heilung und Ruhe zu geben, wie sie es sich wünscht. Denn die Seele oder, sagen wir nun, der innere Mensch trachtet immer nach der Ruhe, nach der Ausgeglichenheit, nach Harmonie. Das ist der innere Mensch; er findet in der Meditation sozusagen eine Erholung. Erholung ist es tatsächlich für den nach oben strebenden Menschen, wenn er im wahren Sinne meditiert. Der mit der äusseren Welt verbundene Mensch sucht in erster Linie nicht die Erholung für seine Seele, sondern für sich selbst, für seinen Leib. Er möchte sein Denken auf andere Bahnen lenken. Der eine sucht in seiner Erholung Zerstreuung, ein anderer geht in die Berge oder auf Reisen, wieder einem andern bedeutet die Kunst etwas, und ein Weiterer will in der Nähe des Wassers sein. Es ist aber hier in erster Linie der äussere Mensch, der für seinen Körper die Erholung will. Er glaubt, durch die Ablenkung vom Alltag, durch die Zerstreuung Heilung zu finden. Kehrt er dann nach einer solchen Erholung zurück, so mag sie vielleicht einige Tage, vielleicht Wochen spürbar sein, wenn er das erreicht hat, was er sich vorgenommen hat. Wenn er, sagen wir, auch das vergnügliche Leben leben konnte, sodass es seinem Gemüte zusprach, dann spricht er von Erholung. Aber wie schnell ist diese Erholung verwirkt. Wenn man mit nervösen, mit unausgeglichenen Menschen zusammenkommt und den harten Problemen gegenübersteht, sind diese aufgestapelten Kräfte schnell entschwunden. Und so beginnt das Sich-Sorgen von Neuem.
Wenn der nach innen ausgerichtete Mensch zuerst für die Erholung der Seele besorgt ist, so will das nicht unbedingt heissen, dass er die ganze Zeit zu meditieren hat. Aber der nach innen Ausgerichtete wird jeden Tag versuchen, etwas zum Heil seiner Seele zu gewinnen. Er wird auch von der äusseren Welt angesprochen, und er wird dann entscheiden, was ihm zusagt und was nicht. Er wird von einer höheren Warte aus auch das äussere Leben aufnehmen und so beides zusammen verbinden.
Was man aber in erster Linie in der Meditation erlebt, ist viel wirksamer, anhaltender. Diese seelischen Kräfte, die gewonnen wurden, vermögen nicht so schnell wieder zu entschwinden. Die aufgebauten Kräfte können auch nicht durch eine Anschuldigung oder Beleidigung zunichtegemacht werden. Denn gerade gegen solches ist man gewappnet. So ist es doch wohl sehr wichtig, wie man sich dem Leben mit all seinen Problemen gegenüberstellt. Wenn man nur nach dem Äusseren trachtet, wird man nur vorübergehend etwas gewinnen. Man gewinnt, aber es zerfliesst wieder, es geht in Nichts auf, denn es ist von der äusseren Welt, und das hat keinen Bestand. Bestand hat nur das aus dem Geistigen Gewonnene, das, was man nicht sieht. Darum vermögen so manche Menschen diesen Weg nicht zu gehen, weil man an ihnen nicht sieht, was sie Gutes tun. Sie möchten sehen, was sie getan haben. Und darum, weil man es nicht sieht, gibt man sich auch keine besondere Mühe. Vielleicht hat man die Gelegenheit, zu sagen, was man getan hat – und dann ist der ganze Lohn auch dahin. Die geistige Welt, die für eure Augen nicht sichtbar ist, hat wundersame Schätze. Sie zahlt auch Löhne aus. Sie gibt dem Einzelnen Belohnung, wenn man für das Reich gewirkt hat, in dem die gute Geisterwelt Gottes mit Christus zusammenlebt.
Ihr werdet euch fragen: “Auf welche Art und Weise kann ich wohl meiner Seele dieses Heil bringen?” Auf verschiedene Weisen erklärte ich euch das Meditieren. Man muss also in erster Linie dieser äusseren Welt mit all ihrem Drum und Dran entschwinden können, sich von den Gedanken des Alltags lösen. Wenn ich den Einzelnen oder das Einzelne hier betrachte, so sehe ich noch so viele Gedanken, denen man nachgegangen ist – Gedanken vom heute erlebten Tag, von vergangenen Wochen, von Morgen, von Übermorgen, über Zukunftspläne. Aber dieses alles gehört nicht hierher, gehört nicht in diese Meditation, wenn man Gott näherkommen will. Man wird mir sagen: “Es ist eben nicht so leicht, diese Gedanken loszuwerden.” Ja das stimmt, es ist nicht so leicht. Denn man kommt sozusagen von der Hetze hierher, und es geht nicht so einfach, dass man schnell etwas Besseres und Höheres erlebt. Es braucht eine gewisse Entspannung. Zu Hause habt ihr zum grössten Teil keine Möglichkeit zu meditieren, da ihr ja gehetzt seid von der Zeit und von euch selbst. Aber wenn ihr hierherkommt, solltet ihr, ehe die Meditation beginnt, statt euch miteinander zu unterhalten, ganz ruhig dasitzen und versuchen, die Gedanken zu lösen und ruhig zu atmen. Und zwar braucht ihr hier nicht tiefe Atemübungen zu machen, denn dies würde ja den andern stören. Aber ihr könnt im Geiste austreten aus diesem Raume, ihr könnt einen Weg durch den Wald gehen und euch vorstellen, dort diese Atemübungen zu machen. Ihr sollt also euer Denken dorthin lenken und nicht auf das, was ihr morgen tun wollt. Ihr sollt im Geiste eine Begegnung haben mit einem Engel, der mit euch diese Atemübungen macht. Dann habt ihr schon in gewissem Sinne die Bedingungen zur Entspannung geschaffen, und ihr seid schon mit einem Fuss in das Unsichtbare hinübergetreten. So ist es für euch nachher viel leichter, das, was hier gesprochen wird, zu fassen und mitzuerleben. Denn wir vermögen nicht jeden Einzelnen mitzureissen, wenn er sich selbst mit so vielen unnötigen Gedanken plagt.
Die Meditation soll die Stunde der Erholung für die Seele sein. Wenn die Seele sich erholt, erholt sich auch der irdische Leib. Auch das Gemüt wird belebt; grössere Lebensfreude wird man erkennen, Mut, und auch gewisse Vorsätze wird man fassen. Am grössten ist eben der Gewinn, wenn man die verschiedenen guten Vorbereitungen getroffen hat. Darüber habe ich ja auch schon gesprochen.
Und wenn ich euch jetzt sage: Wenn ihr Gelegenheit habt zu meditieren, so sollt ihr in erster Linie über das geistige Leben meditieren und die Verbindung zur anderen Welt festigen. Ihr sollt euch so stark verbunden fühlen mit der unsichtbaren Welt, dass ihr die Ströme spürt, dass ihr aber auch die Geistwesen, die euch führen, die euch begleiten, spürt oder vielleicht sehen könnt. Es wäre für den geistig ausgerichteten Menschen etwas Wunderbares, wenn er wirklich tief in das Göttliche hineindringen könnte und wenn er mehr tun würde, als nur Dinge zu erleben im Geiste, Sphären zu durchwandern, Begegnungen, Begrüssungen zu haben. Er kann Wirksameres tun; denn er kann nämlich zugleich sein eigener Arzt sein. Es ist so wunderbar: Wenn man sich ins Geistige hineinbegibt, bekommt man auch dementsprechend eine Kraft, eine Führung. Und ich glaube kaum, dass jemand von euch schon auf diesen Gedanken gekommen ist, auf diese Art zu meditieren, wie ich es euch nun sage.
Ihr habt euren Mitmenschen, Freunden, Verwandten schon manchmal ein Versprechen gegeben, und ein ehrlicher Mensch hält doch seine Versprechen. Tut er dies nicht, wird er nicht mehr ernst genommen. Man soll für das geistige Reich nicht nur Versprechungen machen; aber vorausgesetzt, man findet sich zu schwach für das, was euch nun gesagt wird, kann man ja die Meditation auf eine andere Art durchführen. Aber es wäre ganz gut, man würde trotzdem versuchen, es in dieser Weise auszuführen. Wenn man das Versprochene nicht gehalten, das Gelübde gebrochen hat, kann man ja wieder neu hingehen und es wieder auffrischen. Denn in der göttlichen Welt kennt man die Versuchungen und die Schwächen, die über alle Menschen kommen. Darum wäre es doch einmal ratsam, ein solches Gelübde in einer Meditation zu geben und mit seinem Schutzgeist zu wandern, weg von dieser Welt, ins geistige Reich, in eine Sphäre, die du für dich bilden kannst, wie sie dir beliebt. Die Umgebungen, die sollst du dir wünschen, denn du gehst im Geiste, du sprichst deine Wünsche aus in dieser Beziehung. Sieht man deine wirklichen Bemühungen, dein Verlangen nach Gott, werden deine Wünsche realisiert. Sonst bleibt es beim Wunsch.
So kannst du mit deinem Schutzgeist ziehen auf der langen, langen Strasse ins Reich des Herrn hinein. Und auf dieser langen Strasse hast du Gelegenheit, mit ihm zu reden, denn du sollst doch deine Wünsche zum Ausdruck bringen, dein Verlangen kundtun können. Dein Schutzgeist hat wohl Verständnis für dich. Ihm ist es daran gelegen, dich auf die Höhen zu führen, denn er empfängt auch einen Lohn für dich. Er wird belohnt, wenn du dich nach den göttlichen Gesetzen ausgerichtet hast. Denn auch im irdischen Leben hat ja jeder Meister seinen Lohn, wenn er die Schüler unterrichtet. Im Geistigen bekommen diese Meister auch ihren Lohn, denn sie wenden doch ihre Mühen auf, ihre Ausdauer und ihre Liebe, und dies will auch seine Belohnung finden. Aber der Lohn ist nicht irdischer Art, es ist eine geistige Belohnung.
Wenn du nun auf dieser langen Strasse bist, dann möchte dir dein Schutzgeist sagen: Etwas vom Wichtigsten im Leben des Menschen ist doch der Friede. Es wird so viel für den Frieden gebetet auf dieser Erde. Frieden! Aber es geht nicht um den Frieden der Welt, wenn der Schutzgeist mit dir auf dieser langen Strasse ist, sondern es geht um deinen eigenen Frieden. Es geht um den Frieden deiner Seele, es geht um den Frieden in deiner Familie, um den Frieden in deinem Geschäft, es geht um den Frieden, da, wo du gehst und stehst. Um diesen Frieden geht es.
Du verlangst, die Welt möchte Frieden halten. Betrachte dich einmal selbst: Ist es dir möglich, überall Frieden zu halten, da, wo du gehst und stehst, wo du arbeitest, da, in deiner Familie? Sind jene Menschen, die mit dir zusammenkommen, immer so wohlwollend, so gütig, so friedfertig? Kannst du mit ihnen Frieden halten? Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: “Mit allen kann man nicht Frieden halten. Aber ich habe viele Menschen, mit denen ich im Frieden lebe. Es sind nur wenige, mit denen ich nicht im Frieden leben könnte, weil ich sie nicht verstehe.” Hier geht es nun um den eigenen Frieden. Wie schwer ist es da, den Frieden zu haben? Wir würden sagen: “Es ist doch eine kleine Sache, es ist doch gar nicht so schwer, man kann doch Frieden halten mit jedem Menschen.” Ja, das kann man sagen. Bei demjenigen aber, der irgendwo einen Mitmenschen hat, mit dem man nicht auskommt, nicht Frieden haben kann, bei dem ist ja die Disharmonie, die Uneinigkeit schon da: Man kann mit dem andern nicht in Frieden kommen. Vielleicht bist du bereit, Frieden zu haben; aber der andere stellt so grosse Forderungen, er bringt deine Gefühle durcheinander, und darum kannst du mit ihm nicht Frieden haben. Aber du verlangst den Frieden für die ganze Welt. Doch in deiner kleinen Umgebung, da kannst du nicht überall Frieden halten – nicht ein jeder kann es. Und darüber unterhält sich der Schutzgeist mit dir – mit jedem auf seine Art, denn ich kann doch nicht sagen, es hätten alle, die hier sind, da oder dort einen Menschen, mit dem sie nicht im Frieden leben. Es hat auch Freunde hier, die haben diese Schwierigkeit nicht, sie können mit allen in Frieden leben. Darum ist es eben so, dass jeder das Gespräch mit seinem Schutzgeist so zu führen hat, wie es ihn betrifft – dass er aber das Verständnis aufbringt dafür und sich sagt: “Für die ganze Welt wünsche ich den Frieden. Endlich sollen die Menschen zufrieden sein und Frieden schliessen, und es ist eine ganz kleine Sache im Verhältnis zum grossen Weltfrieden, dass man sich selbst um Frieden bemüht, wo man uneins ist mit dem andern.” Wir behaupten: Es besteht die Möglichkeit, den Frieden zu haben; man kann es. Aber diesen Frieden erreicht man nur durch Überwindungen und nur durch Nachgeben. In der irdischen Welt, bei den Menschen ist es so: Keiner will nachgeben, niemand will zu kurz kommen. Im Geistigen ist ja derjenige der Gewinner, der sich zurückstellt, der für die Menschen sichtbar zu kurz kommt. Im Geistigen ist er der Gewinner. Bei den Menschen ist er zurückgedrängt, er hat sich erniedrigt. Doch im Geiste wird er gehoben, und er hat gewonnen. Aber wer sieht das schon unter den Menschen? Der eine findet sich blamiert, und diese Blamage will er nicht auf sich nehmen. Aber im Geistigen ist es doch ganz anders: Im Geistigen lässt man sich erniedrigen. Und darum geht der Friede nur durch die Überwindung.
So spricht der Schutzgeist dir zu. Wenn du Gott das Gelöbnis gibst: “Ich will Frieden halten in meiner ganzen Umgebung, ich will für diesen Frieden kämpfen”, dann wird dich dieser Schutzgeist dementsprechend führen. Er wird sich freuen, und er wird dir sagen: “Höre zu, du sagst: ‘Ich will das Gelöbnis geben.’ Du darfst diese Worte nicht gleichgültig, oberflächlich aussprechen. Weisst du, was du sagst? Du musst dir bewusst sein, du musst das innere Leben und das ganze Streben nach oben ernst nehmen.” Und er wird dich weiter fragen: “Bist du wirklich bereit, dieses Gelöbnis zu geben?” Und du wirst sagen: “Wenn mir Gott hilft, nur wenn mir Gott hilft, kann ich es tun.” Und der Schutzgeist entgegnet dir wieder: “Gott hilft dir, Gott gibt dir die Kraft. Aber du musst den ersten Schritt dazu tun. Es geht nur durch die Überwindung, nur durch den Weg der Erniedrigung. Wenn du dich erniedrigst, dann wirst du Gewinner sein.” Und du sagst: “Gut, ich will es. Ich will es unbedingt. Ich will wenigstens dieses in meinem Leben zustande bringen.” Und kann man das, ist es etwas Wunderbares, das man nie zu bereuen hat.
Aber in dieser Meditation gibt man nicht einfach so dieses Versprechen ab; sondern wenn du schon gehoben bist und mit dem Schutzgeist auf dieser langen Strasse wanderst, wird er dir sagen: “Gut, wir zweigen jetzt von dieser langen Strasse ab, denn hier macht man kein Gelöbnis. Wir festigen jetzt das Gelöbnis in einem Tempel Gottes.” Dann führt er dich einen Weg hinauf zu einer Anhöhe und sagt: “Dort finden wir den Tempel, wo die Hohen des Himmels hingehen, um Gott die Ehre zu geben. Das ist gerade der richtige Platz, um dein Gelöbnis abzugeben. Dort, wo die Engel des Himmels sind, sollst du dein Gelöbnis geben. Denn du bringst etwas Wunderbares, und das gehört in einen schönen Tempel, in einen geweihten Tempel, der dem Herrn gehört; denn der Friede gehört dem Herrn. Aber wehe, wenn du das Gelöbnis brichst und dir alles wieder genommen würde!” Du bist guten Willens und sagst trotzdem: “Ich will es durchsetzen, ich will es probieren, was auch mit mir geschehen mag, wenn ich es nicht halte.” Ich habe gesagt: Man kann das Versprechen wieder erneuern. Der Engel wird immer wieder bereit sein, mit dir durch die lange Strasse zu gehen und dann abzuzweigen, um wieder den Weg in Richtung Tempel zu nehmen. Aber er wird dir auf der langen Strasse Vorwürfe machen und dir sagen, was du falsch getan hast. Er ist jedoch trotzdem voller Hoffnung, voller Mut und Freude, dass du dich wieder aufgerafft hast zum neuen Versprechen. Aber das Gelöbnis gabst du ein Mal in dieser würdigen Weise – nachher nimmt man dieses Versprechen nur wieder entgegen. Man besiegelt es sozusagen aufs Neue. Aber wenn man in diesem weihevollen Tempel das erste Mal das Versprechen ablegt, holt der Engel vom Tische einen Kelch, der gefüllt ist mit der Kostbarkeit aus dem Weinberg des Herrn, denn er will das Gelöbnis mit dir feiern. Es soll besiegelt werden. Du darfst von einem solchen Becher trinken, der sonst bereitsteht für die hohen Fürsten des Himmels. Aber da du dem Herrn dienst und ihm das bringst, was ihm zu eigen ist, wird man auch dir das Beste geben, und du darfst trinken. Durch diesen Trunk werden deine Seele und der irdische Leib gekräftigt. Es ist nicht sichtbar für das menschliche Auge, aber die Seele nimmt in vollen Zügen, sie bewundert die Umgebung, und die Seele ist es, die nur Heilung will. Dann wird der Engel, der dich dorthin begleitete, dich wieder aufbieten und sagen: “Vergiss nicht, dass wir hier waren.” Und er wird einen andern Weg einschlagen, er wird weitergehen mit dir.
Er hat dir so vieles zu erzählen – und was erzählt man seinem Schutzgeist? Man klagt Weh und Ach über das, was man alles zu ertragen und zu erleben hat. Und der Schutzgeist sagt: “Das Weh ist nicht so gross, und die Klagen sind kaum der Rede wert. Du selbst machst das Weh und Ach so gross. Warum tust du das?” Und er kann mit dir so wundersam reden. Man ist ja nicht auf der Erde, man ist hineingegangen ins geistige Reich, und da sind diese Worte viel bedeutungsvoller. Darum sagt man das, was im geistigen Reiche zählt. Worüber die Menschen immer so viel zu klagen haben in ihrer Welt, daran sind sie ja zum grössten Teil selbst schuld. Versuchen wir doch vielmehr davon zu reden, wie das Heil zu gewinnen ist, wie die Klagen zu überwinden sind, wie das Leben angenehmer wird, wie man es versteht, sich nach innen auszurichten. Der Engel wird sagen: “Ja, der Friede ist doch das Schönste, was es gibt.” Frieden zu haben, das gibt dem Menschen Gelegenheit, schneller aufzusteigen. Er wird harmonischer, er wird ausgeglichener. Er hat ja die grössten Möglichkeiten zum Aufsteigen, wenn er im Frieden lebt. Aber mancher hat den Frieden, für den andere einen hohen Preis zahlen würden – und er ist doch nicht glücklich. Er hat Ruhe um sich, er hat keine Feinde, er hat niemanden, der ihm etwas zuleide tut, und er ist doch tief unglücklich. Solche Menschen gibt es auch. Man soll also nicht glauben, wenn allen der Friede gesichert wäre, wäre alles getan. Nein, es ist noch so vieles.
Und der Engel sagt: “Etwas Weiteres, das im Leben des Menschen von grosser Bedeutung ist, ist die wohlwollende Gesinnung.” Und diese wohlwollende Gesinnung erreicht man auch nur über den Weg der Überwindung. Man kann nicht jedem gleich wohlgesinnt sein, aber man muss es lernen. Wenn man den Frieden gewonnen hat und das Gelöbnis für den Frieden gegeben hat, dann ist es einem viel leichter gemacht, eine wohlwollende Gesinnung zu pflegen. Und diese wohlwollende Gesinnung besteht nicht nur einfach im Gedanken: “Ich wünsche dir alles Gute” – und damit ist man fertig. Nein, man muss den Kontakt suchen mit dem Menschen, dem man wohlwollend gesinnt ist, man muss ihm das Wohlwollen spürbar machen; beim Menschen muss man das, denn die Gedanken allein helfen nichts. Nur zu sagen: “Ich wünsch dir alles Gute” – ja, es ist ein frommer Ausdruck, ein schönes Wort, aber wenn man es ernst damit meint, dann muss man auch etwas tun. Man muss die Worte mit der Tat verbinden, man muss sie stützen, so wie es heisst: Das Gebet ohne die Tat ist nichts. Und so ist es auch mit dieser wohlwollenden Gesinnung. Viel sprechen die Menschen von dieser wohlwollenden Gesinnung; aber sie ist gleich Null, sie ist nichts, wenn nichts dafür getan wird.
Wenn es einem Menschen schlecht geht, sei es gesundheitlich oder in materieller Art, und man ihm sagt: “Oh, ich wünsche dir alles Gute”, ist dem Menschen mit leeren Worten nicht geholfen, wenn man ihn nicht wirklich spüren lässt, dass man ihm wohlgesinnt ist. Der eine sagt sich: “Ja, es ist wahr, man muss eine wohlwollende Gesinnung haben; aber es ist doch ganz unmöglich, ich kann mich doch nicht in die Verhältnisse jedes Menschen einmischen.” Nein, das verlangt niemand. Aber wenn einem ein Mensch in den Weg geführt wird, mit dem man zu tun hat, mit dem man ins Gespräch kommt und der einem nahe geworden ist, wo eine innere Stimme sagt: “Es ist eine Christenpflicht, dass du deine wohlwollenden Gefühle zum Ausdruck bringst”, dann soll es geschehen, dann muss man ihm wohlwollend gesinnt sein in spürbarer Art und Weise. Dem einen muss vielleicht in materieller Weise geholfen werden, ein anderer braucht die Wärme, das Mitleid. Aber das Mitleid kann auch nicht nur mit den Worten ausgedrückt werden: “Es tut mir leid, und es ist so schade, ich bedaure” und so weiter. Es sind schöne Worte, aber nichts wert. Hat man wirklich Mitleid mit einem Menschen, hat ein Mensch etwas Schweres durchlebt, dann muss man ihn spüren lassen, dass man Mitleid mit ihm hat. Man soll zu ihm gehen, man soll ihn zu sich nehmen für eine Stunde, für zwei Stunden oder dergleichen; man soll den Schmerz mit ihm teilen und ihm zuhören, was er sagt. Es braucht nicht jeder immer eine materielle Unterstützung, wenn er in irgendwelcher Bedrängnis ist und das Bedauern über das Unglück ausspricht. So ist es für manchen viel schwerer, eine Stunde aufzuopfern, als einen Geldbetrag zu geben. Einen Geldbetrag hat er vielleicht viel schneller und ohne Mühe gegeben. Aber diesen betrübten, einsamen Menschen eine Stunde zu sich zu nehmen, sich mit ihm zu unterhalten, das kostet Zeit, und die Zeit ist hier viel mehr wert als eine klingende Münze.
Ja, ihr denkt, ich verlange viel. Aber ihr fragt ja immer nach den Aufgaben: “Was kann ich tun, oder was kann ich noch mehr tun, um Gott gefällig zu sein, um mich geistig zu entwickeln?” Das sind diese Dinge, man hört sie und erlebt sie in der Meditation. Auch der, der nach diesen Aufgaben fragt, hat den Frieden und ebenso die wohlwollende Gesinnung durch Überwindung zu pflegen. Wenn man wirklich ernstlich mit dem Geistigen verbunden ist, Gott gefällig sein möchte und der Meinung ist: “Ja ich möchte etwas abverdienen in meinem Leben; ich habe dieses oder jenes Unrecht getan, und ich möchte etwas Gutes tun” – da kann man auch zum Schutzgeist sagen: “Höre, ich gebe dir auch mein Versprechen, ich gebe das Gelöbnis feierlich: Ich will eine wohlwollende Gesinnung pflegen”, in dieser Art und Weise, wie ich sie gleich erklärt habe. Und hocherfreut nimmt dich dein Schutzgeist in die Arme und sagt: “Ach wie herrlich, solches zu hören! Komm gleich, ich führe dich.” Und er führt dich nicht zuerst über die lange Strasse, denn über die ist er ja schon gegangen in derselben Stunde, sondern zweigt wieder ab zu einem andern Tempel.
Dieser Tempel steht so schön in den Höhen, und eine prachtvolle Übersicht hat man über eine herrliche Stadt. Der Engel sagt: “Weisst du, wer in dieser Stadt wohnt? Es sind all jene, die die wohlwollende Gesinnung gepflegt haben. Willst du auch hier wohnen? Soll ich auch dein Haus bestellen in dieser Stadt? Aber der Preis ist hoch, den du zahlen musst.” Ja, das stimmt dich nachdenklich. Kannst du das wohl? Oh, das kann man, wenn man wirklich geistig verbunden ist; wenn man nach innen ausgerichtet ist, geht das schon. Nur durch die Überwindung. Vielleicht gibt man nicht gleich morgen schon das Versprechen ab. Es dauert vielleicht etwas länger, man übt zuerst. Und dann, auf einmal fühlt man sich gefestigt und kann das Gelöbnis geben. Wie herrlich für einen solchen Menschen! Und spricht er dann so ein Gelöbnis und lebt danach – ach, er selbst stellt den äusseren Menschen immer mehr zur Seite und tritt immer mehr nach oben. Sein Leben ist immer mehr nach den inneren Werten ausgerichtet, und er erkennt immer besser, wer der Herr ist in diesem Reiche, dem er dient.
Wenn man schon an der Arbeit ist, wenn man sich schon gehoben hat, ja, dann gibt es noch vieles, was man geloben könnte. Wer nicht den Frieden zu geloben hat, der kann doch die wohlwollende Gesinnung geloben. Und der Schutzgeist geht auch in diesen wunderbaren Tempel und holt den Becher vom Tische, von dem die Hohen des Himmels nehmen. Und er sagt auch zu dir: “Du sollst davon trinken, denn das, was du bringst, gehört ja ins Reich des Herrn, das ist ja Eigentum des Herrn. Und so sollst du von seinem Eigentum auch nehmen.”
Ja, man kann darüber studieren und denken: “Welches ist wohl der beste Weg für mich, worüber soll ich ein Gelöbnis abgeben?” Und der Engel sagt: “Es sind ja noch so viele Wege und so viele Tempel, und die Geisteswelt Gottes freut sich immer wieder, jemanden zu sehen, der kommt und ein solches Gelöbnis gibt.” Und der eine sagt: “Mich kostet es Überwindung, aber ich werde es tun. Ich gebe das Gelöbnis der Treue, der Treue dem Geistigen gegenüber, Gott gegenüber. Ihm will ich treu sein, seiner ganzen Geisteswelt. Ihr will ich treu sein und dem Erlöser. Meine Treue will ich nie brechen. Aber ich will auch die Treue im täglichen Leben pflegen, denn auch das tägliche Leben verlangt seinen Zoll an Treue.” Und diese Treue im täglichen Leben ist im gleichen Wert, und von manchem kann sie nur auf dem Weg der Überwindung gewonnen werden. So ist auch das ein Gelöbnis, das man geben kann. Friede, wohlwollende Gesinnung, Treue. Vom Glauben möchte ich gar nicht sprechen, denn wer ja den Schritt ins Reich Gottes gemacht hat, der hat doch seinen Glauben, ist ihm treu ergeben.
Nun, liebe Geschwister, wie viele andere Wege sind noch offen? Da vermag ein Mensch es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Und wie wäre es mit ihm, wenn er den Weg der Überwindung gehen würde, um in der Wahrheit zu leben, ohne zu lügen? Wie wäre es, das Gelöbnis der Ehrlichkeit zu geben – ehrlich zu sein mit sich selbst und mit den Menschen, mit denen man zusammenlebt? Es gibt noch viele Wege, die man gehen kann, zum Beispiel den Weg, wo man bescheiden und ruhig sein Leben pflegt, ohne viel Worte um sich selbst zu machen, ohne immer von sich zu sprechen – auch ohne über andere zu reden. Die Wege der Wahrheit und der Bescheidenheit liegen nämlich so nahe beieinander, und es ist ein kurzer Schritt vom einen zum andern.
So muss ich es jedem von euch selbst überlassen und muss sagen: Sei ehrlich, ehrlich mit dir selbst. Hebe dich nicht weiter hinauf, als du wirklich hingehörst. Beschönige deine Fehler nicht. Und wenn du siehst, was du falsch machst, dann überwinde. Nur durch den Weg der Überwindung wird man Gewinner. Auch der nach aussen gerichtete Mensch liebt jenen, der Gott entgegengeht; er liebt den Geistesmenschen, weil er weiss: Bei ihm ist Wahrheit, bei ihm findet man Ruhe, Verständnis und wohlwollende Gesinnung, bei ihm spürt man den Frieden.
Ja, liebe Geschwister, ich weiss: Da und dort ist der Wille gut, aber man ist schwach. So habe ich euch einen Weg zum Meditieren gezeigt, wie er auf wunderbare Weise zu gehen ist und wie man seiner Seele Erholung bringt. Denn was hier gewonnen ist – gewonnen! –, das verliert man nicht, und das wird einem einst hoch bezahlt. Ist man dann in diesem inneren Leben ganz aufgegangen, ist es einem von grösster Bedeutung geworden. Wie unwichtig, wie nebensächlich ist dann das tägliche Geschwätz; man ist nach innen ausgerichtet, und von innen heraus gehen die Wege zum äusseren Leben, und dann betrachtet man von innen heraus die Menschen, mit denen man zusammenlebt. Man arbeitet von innen heraus, und die Probleme werden von innen heraus gelöst und nicht von den äusseren Umständen her. Innen ist das wahre Geistesleben. Das muss entfaltet werden. Wenn man dieses kann, hat man viel erreicht.
Und so möchte ich euch doch dieses gönnen, dass ihr Arm in Arm mit eurem Schutzgeist wandert durch die lange Strasse und dann den Seitenweg nehmt zu irgendeinem Tempel, damit ihr dort im Geiste aus diesem kostbarsten Becher trinken könnt, von der Kostbarkeit, die euch erquickt und belebt, die eure Seele und euer Gemüt erfreut, die euch glücklich und froh macht – und dass ihr dankbar seid für alle Hinweise, die euch gegeben wurden.
So, liebe Geschwister, könnt ihr zu Hause meditieren. Und wenn ihr keine Ruhe findet, so tut es, wie ich es anfangs gesagt habe: Kommt hierher, und sorgt dafür, dass Ruhe ist in diesem Raum. Dann entspanne dich und lebe das innere Leben – wenn auch nur eine halbe Stunde, so hat deine Seele mehr gewonnen, als wenn du Monate Urlaub genommen hättest. So möge euch Gott seinen Segen zu euren Bestrebungen geben. Möget ihr im göttlichen Schutze stehen und unter diesem Schutze eure Aufgaben des Lebens erfüllen. Gott zum Gruss.
Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 21.2.1962 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Der innere Mensch möchte gehört werden
Lene, 19. März 1969
Der innere Mensch möchte gehört werden
Wenn Menschen sich in ihrem Leben nicht zurechtfinden, wenn sie unglücklich und unzufrieden sind, suchen sie die Ursachen dafür gewöhnlich in äusseren Umständen. Wer aber den spirituellen Weg kennt, forscht auch nach den inneren Ursachen. Das höhere Ich im Menschen weiss mehr über den Sinn und das Ziel seines irdischen Daseins; denn es ist verbunden mit der Ewigkeit und vertritt die Interessen der höheren, göttlichen Welt.
Lene: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, ihr seid hierhergekommen, um mir zuzuhören, und ich möchte euch bitten, zu versuchen, euch im Geiste zu erheben und eure weltlichen Gedanken zu überwinden. Wenn ihr dazu fähig seid, dann werdet ihr auch einen wirklichen Genuss von der Meditation haben. Ich kann euch für euer weltliches Leben keine Ratschläge geben. Aber ich kann euch erklären, welchen Weg ihr schreiten sollt, um zu den Höhen zu gelangen; ich kann euch den hohen Sinn des Lebens erklären. Ich möchte mich also nicht allzu sehr mit dem äusseren Menschen befassen, und trotzdem muss ich es tun. Ich möchte mich aber stets mit der Seele des Menschen beschäftigen; ich möchte mich mit seinem höheren Ich unterhalten, ich möchte in ihm das göttliche Bewusstsein anregen. Ich will ihn also von diesen irdischen Pfaden wegführen.
Wenn ich euch jetzt sage, liebe Geschwister, es gibt glückliche und unglückliche Menschen, so möchte ich beifügen: Es gibt auch glückliche, zufriedene Seelen und unzufriedene, unglückliche Seelen. Betrachten wir zuerst einmal die unzufriedenen, unglücklichen Menschen. Aber wenn ich jetzt von dieser Unzufriedenheit, von diesem Sich-unglücklich-Fühlen rede, dann muss ich ja zuerst einmal den äusseren Menschen und den inneren Menschen auseinanderhalten. Es sind also zwei verschiedene Dinge.
Der äussere Mensch kann recht unzufrieden sein und sich unglücklich fühlen, weil ihm seine Umgebung nicht angenehm ist, weil sie ihn ärgert, weil er keine Erfolge hat im Leben und all dergleichen. Es sind dies alles Dinge, die eigentlich nur den äusseren Menschen ansprechen. Aber diese Äusserlichkeiten werden ihm zur Hauptsache, und er glaubt, sein Glück liege nur in diesen Äusserlichkeiten. Alles, was um ihn ist, sollte für ihn so angenehm wie möglich gemacht werden, dann – so glaubt er wenigstens – könnte er zufrieden sein.
Ihr könnt am besten die Vergleiche zu euch selbst ziehen. Die äussere Umgebung muss euch angepasst sein, ihr wollt euch zufrieden und wohl fühlen. Ihr könnt aber mit dieser äusseren Welt nicht glücklich, nicht zufrieden sein, wenn man keine Erfolge hat im Leben oder wenn es Krankheiten oder Schicksale gibt, die einen betreffen. Und so fühlt man sich unglücklich, unzufrieden. Man kann auch keinen religiösen Weg einschlagen, weil man sich zu schwach dazu fühlt. Das ist eben der äussere Mensch, der gebunden ist an alle Äusserlichkeiten, die ihn im Leben umgeben. Nun ist es aber möglich, dass ein unglücklicher Mensch, der von der äusseren Welt beeinflusst ist, nicht unbedingt auch in seiner Seele unglücklich sein muss. Doch in den meisten Fällen ist es schon so: Ist der äussere Mensch unzufrieden, dann ist auch die Seele in ihm unglücklich und unzufrieden. Die Seele ist ratlos. Sie sieht, dass sie nicht zu dem Erfolg kommt, wie man gehofft hat.
Die Seele, der inwendige Mensch oder das höhere Bewusstsein des Menschen, weiss Bescheid über sein Schicksal und wäre gerne bereit, das Schicksal zu bejahen. Das ist der inwendige Mensch. Nun spielt aber das Äussere des Menschen für seine Seele auch eine bedeutende Rolle. Der äussere Mensch beeinflusst das inwendige Leben. Die Seele nimmt nämlich von dem Unheil an, das der äussere Mensch aufbaut und in sich hineinbringt. Denn wir sagen euch stets: “Die Seele gleicht einem kostbaren Gefäss.” Dieses ist symbolisch gesprochen, und ich könnte sagen: Ja, die Seele gleicht einem Gefäss, in dem mit der Zeit viele Dinge angehäuft werden; die Seele nimmt ja auf, sie bewahrt es auf. Und daher ist es doch so – jetzt menschlich betrachtet –, dass auch vom Unangenehmen, das dem Menschen begegnet, die Seele einen Teil erhält.
Dazu ein Vergleich: Wenn ihr euch in euren Strassen bewegt, fällt ganz feiner Staub auf euch. Es ist ein Niederschlag von der Unreinheit eurer Luft. Es ist kaum merklich für den einen oder andern, aber mit der Zeit kann sogar seine Gesundheit dadurch beeinflusst werden. Ja, feiner Staub ist es, Niederschlag ist es von der Unreinheit in eurer Luft. Es gibt aber auch eine Unreinheit, einen Niederschlag von böswilligem Denken und Handeln, das man selbst ausführt oder von dem man beeinflusst wird von den Mitmenschen. Da gibt es auch einen Niederschlag, einen Niederschlag auf die Seele. Der Mensch kann sich eben auch mit unangenehmen Dingen beschäftigen; er macht sich darüber seine Gedanken.
Gedanken sind Kräfte. Zu dieser Erkenntnis seid ihr gekommen. Nun gibt es ja gute und weniger gute Kräfte. Gute Kräfte beeinflussen den ganzen Menschen samt seinem Innenleben zum Guten, zum Erbauenden, zum Erhebenden. Böses, Deprimierendes sind dagegen Niederschläge auf den Menschen und seine Seele, auf sein inwendiges Leben. So nimmt die Seele davon auf und bewahrt es auf. Der äussere Mensch kann sich so sehr mit negativem Geschehen beschäftigen, dass seine Seele erkrankt. Er macht sich selbst krank, und zwar sein Inwendiges.
Die Seele also nimmt auf und bewahrt es auf. Durch das Denken des Menschen wird die Seele berührt und in das Handeln miteinbezogen, sie wird in den Entschluss des Menschen hineingezogen – oder vielleicht kommt die Überzeugung zu irgendeiner Angelegenheit sogar aus der Seele selbst. Die Seele des Menschen nimmt also die Feinheiten, diesen Niederschlag, auf. Dieser muss gar nicht immer nur allein vom Menschen selbst, von seinem eigenen Denken kommen, sondern der Mensch wird auch von den Mitmenschen beeinflusst. Ihr kennt ja das Sprichwort: “Sage mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist.” Also, man findet Gefallen an einem andern, man wird durch ihn beeinflusst. Man kann beeinflusst werden zum höheren Leben, zum Guten, aber auch zum Gegenteil. So kann die Seele Schaden nehmen, und sie möchte da und dort ausrufen: “Ich bin unglücklich.”
Die Seele, der inwendige Mensch, also das höhere Leben im Menschen, kennt Ursache und Wirkung seines menschlichen Daseins. Aber die Interessen des Lebens sind beim inwendigen Menschen anders als beim äusseren, weltlich ausgerichteten. Der inwendige Mensch ist es ja, der das wirkliche, geistige Ziel vor seinen geistigen Augen hat. Wenn ich nun von der unglücklichen Seele und vom unglücklichen Menschen spreche, so will ich sagen, dass die Seele also auch vom Unglücklichsein, von der Unzufriedenheit des äusseren Menschen beeinflusst wird.
Betrachten wir nun diesen inwendigen Menschen. Dieses höhere Ich, dieses höhere Leben, weiss, warum es in das menschliche Dasein gerufen worden ist. Denn das höhere Ich ist verbunden mit dem Ewigen, mit der höheren geistigen Welt. Das Höhere im Menschen ist mit dem Geistigen verbunden. Wenn ich vom inwendigen Menschen spreche, so ist es das für euch Unsichtbare, das nur Ahnende, das Glaubende. Und dieses Unsichtbare ist eben verbunden mit dem Ewigen, es ist göttlichen Bewusstseins. Weil es mit jener göttlichen Welt verbunden ist, vertritt es die Interessen seiner höheren Welt, der es dienen muss.
Nun, dieses Inwendige, dieses höhere Leben des Menschen, steht ja auch auf verschiedenen Entwicklungsstufen. Aber sprechen wir jetzt einmal von einem Menschen, der in der Mitte der Entwicklung steht, wo die Erkenntnis des inwendigen Menschen schon so weit vorangeschritten ist, dass er sich der Aufgaben seines menschlichen Lebens voll und ganz bewusst ist. Dieser inwendige Mensch hat nicht im vollen Umfang Einfluss auf das Äussere, das den Menschen umgibt. Ich könnte euch das auch so erklären: Der inwendige Mensch wird an der Hand Gottes geführt, und der äussere Mensch, der sein Auge auf die weltlichen, vergänglichen Dinge gerichtet hat, wird an der Hand geführt von einem, der dem Fürstenreich der Welt angehört. So ist man in zweierlei Begleitung. Der inwendige Mensch wird den höheren Zielen entgegengeführt, denn er ist höheres Leben und kann daher mit dem höheren Leben besser in Verbindung kommen und geführt werden, während doch der äussere Mensch mit allem Äusseren in Verbindung steht. Und die äussere Welt hat viel Blendwerk. Der äussere Mensch wird geblendet von Vergänglichkeit, von vergänglichem Glück, von vergänglicher Liebe, vergänglicher Schönheit – von Vergänglichem wird er begleitet, beeinflusst und bestimmt.
Nun, Glauben ist eine Sache der Seele, des inwendigen Verlangens, des inneren, höheren Bewusstseins. Will dieser Gottesglaube zum Durchbruch kommen, muss die äussere Welt beeinflusst werden; überstimmt muss sie werden von den göttlichen Gesetzen. Wenn der inwendige Mensch Einfluss auf den äusseren nimmt, dann muss alles zur Seite gestellt werden, was verbindlich ist für das Vergängliche, für das Äusserliche seiner Welt. Höheres Leben, göttliches Bewusstsein muss den ganzen Menschen erfassen. Und so gibt es im höheren Bewusstsein keine Kompromisse. Kompromisse macht der Mensch gern, wenn es um sein angenehmes äusseres Leben geht. Wer nun in diesem göttlichen Bewusstsein lebt, muss auch die göttlichen Gesetze kennen und muss nach diesen Gesetzen leben. Nach dem Gesetze Gottes leben heisst: Dinge in Kauf nehmen, die für den in seiner Welt lebenden Menschen unangenehm oder auch ohne Vorteile sind. Das ist etwas, was die Christenheit nie so richtig verstanden hat. Denn in dieser christlichen Lehre hat man viel zu viel Kompromisse gemacht.
Nun, ich möchte ja vom unglücklichen Menschen und von seiner unglücklichen Seele sprechen. Die Ursache aber vom Sich-unglücklich-Fühlen kann vom inneren zum äusseren Menschen verschieden sein. Der äussere Mensch empfindet sein Unglück eben auf weltliche Weise. Er fühlt sich vielleicht verlassen; vielleicht kann er seine Krankheit nicht überwinden, er hat Enttäuschungen erlebt, er kann nicht in Frieden leben mit der Umwelt. Es sind also menschliche Dinge, von denen er glaubt, dass sie ihm das Unglück, die Unzufriedenheit bringen. Es ist dieses also ein Mensch, der nur auf das Äussere ausgerichtet ist.
Ich habe betont: Der inwendige Mensch kennt die Ziele des Lebens, und es ist sein Bestreben, wenn er in der Mitte seiner Entwicklung steht, die Erfüllung des Lebens zu erreichen. Er sieht aber, dass er nicht zu dieser Erfüllung kommt, er sieht die Ohnmacht, er erkennt, dass er in seiner Entwicklung nicht weiterkommt – und darüber fühlt er sich zutiefst unglücklich. Er kommt nicht an sein Ziel, wie es in seinem hohen Leben eigentlich vorgezeichnet worden ist von ihm. Diese innere Unzufriedenheit über seine eigenen äusseren Schwächen beeinflusst nun auch den äusseren Menschen. Die seelische Unzufriedenheit vermischt sich mit der äusseren Unzufriedenheit des Menschen. Innen und aussen wird man eins. Man ist und bleibt unzufrieden. Die Motive aber sind verschieden; der äussere Mensch hat andere Motive für seine Unzufriedenheit als der innere Mensch.
Und so wäre es doch so bedeutend, dass ein sich unglücklich fühlender Mensch zur Überzeugung kommen könnte und sich von Mitmenschen belehren lassen würde, dass er diese Unzufriedenheit überwinden könnte, wenn er sein Lebensschicksal bejahen würde. Denn es gibt unter diesen innerlich wie äusserlich Unzufriedenen auch gläubige Menschen, die es nicht verstehen können, dass sie nicht zu dem Erfolg gelangt sind, wie sie es, rein äusserlich betrachtet, erhofft haben. Das ist für sie eine so grosse Enttäuschung. Aber sie halten sich auf in der vergänglichen Welt.
Die einen oder andern von euch denken nun: “Ja man wird auch von Geistern beeinflusst; Geister des Zweifels, der Unzufriedenheit kommen an den Menschen heran, um ihn in seiner Unzufriedenheit und in seinem Zweifel noch mehr zu bestärken.” Ja, das stimmt, aber man muss auch berücksichtigen, dass es am Menschen selbst liegt. Er hat einen Willen, und ist dieser Wille stark, kann er die Schwächen überwinden. Er kann auch die Stärke seines Willens fördern. Da und dort ist es beim Menschen so, dass er glaubt, einfach schwach zu sein, dass er die Fähigkeit nicht besitze zu überwinden. Wenn aber einer von sich behauptet, eine Frömmigkeit zu besitzen oder an Gott zu glauben und auf ihn zu hoffen, dann sollte er auch diese Willenskraft zur Überwindung aufbringen und so versuchen, sich umzugestalten.
Heute versucht man doch, solche kranken Menschen in der Seele zu erforschen. Da und dort mag es nach langem, langem Suchen gelingen, Erlebnisse aus der frühen Jugendzeit zu finden, die belastend in der Seele sind, die ihren Niederschlag in der Seele gefunden haben. Oder man erkennt, dass Menschen sich feste Ziele gesetzt haben, die sie niemals erreichen können, sodass sie in der Folge über ihre eigene Unfähigkeit enttäuscht sind – so sehr enttäuscht, dass sie nicht nur organisch krank werden, sondern auch noch der Seele diesen Niederschlag geben und auch in der Seele krank werden. Sie beeinflussen das innere seelische Gemüt derart, dass es auch zu einer seelischen Krankheit kommen kann.
Vielleicht ist es etwas zu viel, was ich von den Menschen verlange. Aber ich versuche es euch ja mit dem geistigen Auge, mit dem geistigen Erleben und Schauen klarzumachen. Denn ihr Menschen mit eurem irdischen Auge, ihr könnt alles Irdische sehen, ihr urteilt vom irdischen Standpunkte aus. Wir aber sehen mit dem geistigen Auge, urteilen nach unseren geistigen Erfahrungen. Wir betrachten das geistige Leben, die geistigen Gesetze; wir überwinden das Irdische und sehen so das Unvergängliche, das Ewige, das Unabänderliche vor uns. Und wir bedauern die äussere Beeinflussung auf die Seele.
So kann ein Mensch zutiefst unglücklich sein. Wenn er äusserlich unzufrieden ist und seine Seele den Fortschritt nicht sieht und sich im Stillstand befindet, dann ist auch sie unglücklich auf ihre Art. Aber sie beide, der innere und der äussere Mensch, sind im Unglücklichsein, im Unzufriedensein miteinander in Übereinstimmung. Eines wie das andere ist unzufrieden. Wenn man nicht die Tiefen der Seele und den Sinn und Zweck des Daseins erforscht, dann interessieren sich ja die meisten Menschen wenig für die innere Erkrankung, sondern sie suchen die Ursachen im äusseren Leben.
Wenn man aber den geistigen Weg und etwas von den geistigen Gesetzen kennt, dann soll man nicht nur nach den äusseren Ursachen suchen, sondern auch nach der inneren Ursache. Das ist für viele schwer. Für jene ist es schwer, die nicht glauben können und die meinen, der Gottesglaube müsste auch wissenschaftlich bewiesen werden können. Wissenschaft und Glaube sind aber zwei Dinge, die nicht übereinstimmen. Denn eure Wissenschaft spielt sich doch so sehr im weltlichen Leben, in ihrem Ehrgeiz ab. Es sind zwei verschiedene Dinge. Der Gottesglaube ist etwas, was inwendig im Menschen ist und alles Äussere zu überbrücken hat. Es ist eine andere Welt mit anderen Bestimmungen, mit anderen Gesetzen. Und so ist es eine grosse Prüfung für den Menschen. Aber das Leben ist kurz. Schnell ist es weggelebt und die Ewigkeit kommt zum Zuge. Und was für eine Rolle spielen in der Ewigkeit schon ein paar Tausend Jahre? Tausend Jahre sind bei Gott wie ein Tag. Andere Begriffe, andere Verhältnisse sind es, ein ganz anderer Massstab, mit dem im geistigen Reiche das geistige Leben gemessen wird.
Ich selbst möchte doch so gerne jene Menschen trösten, die sich äusserlich nicht zurechtfinden. Doch der Trost hilft nichts, wenn es nicht zu einer Übereinstimmung kommt mit dem inneren Menschen. Eine Übereinstimmung muss es sein vom inwendigen zum äusseren Menschen. Und wenn ihr versucht, geistig zu denken, dann wird es euch ganz verständlich, dass beim einen oder andern so viel Schuld auf seiner Seele liegt und es verschiedene Ursachen sind, warum er unzufrieden ist. Wenn einer doch [aufgrund eines früheren Erdenlebens] belastet ins menschliche Dasein trat, so hat er schon eine Bürde in sich. Aber trotz dieser Bürde weiss der innere Mensch um seine Pflichten und seine Aufgaben, um das, was er erringen muss. Und wenn er seine eigene Ohnmacht erkennt, dass er nicht fähig ist zu überwinden, ist und bleibt er unglücklich. Aber da und dort gelingt es doch, durch dieses menschliche Leben einen kleinen Schritt vorwärts zu tun. Man hat etwas gesühnt, etwas abgetragen, was einem in der Ewigkeit als Sühne angerechnet wird. So hat auch dieses Leben für das ewige, für das zukünftige geistige Leben eine grosse Bedeutung. Auch ein Leben, das ein Mensch in Unzufriedenheit lebt, hat seinen Sinn und seinen Zweck – und wenn es nur einen ganz geringen Schritt vorwärtsgeht, ist sein Leben von Bedeutung.
Ich habe euch erklärt: Die Seele gleicht einem Gefäss und nimmt auf und bewahrt auf. Sie bewahrt das Gute und das Böse in sich auf. Und kraft der Seele ist es möglich, das Böse, das Niedere in Vergessenheit zu bringen. Fehlt aber die Kraft dazu, dann bleibt es bestehen, es bleibt im Gefäss der Seele aufbewahrt. So muss auch die Seele willens sein, der inwendige Mensch muss bereit sein, höhere Erkenntnisse anzunehmen. Sonst trägt der Mensch zu viel Ballast in sich, und sein Gefäss der Seele ist voller Unrat. Und das alles macht den Menschen unglücklich.
Ich weiss, dass das, was ich euch jeweils erkläre, nicht immer von allen verstanden werden kann. Vielleicht gehe ich etwas zu weit mit meinem Meditieren. Aber ich weiss auch um Freunde, die dankbar sind um diese meine Worte und daraus lernen. Und so ist es für mich und meine geistigen Freunde von grösster Bedeutung, wenn das, was wir euch sagen, auf fruchtbaren Boden fällt. Und wenn dieser fruchtbare Boden nur ganz klein ist, sind wir schon zufrieden. So habe ich mich nun aufgehalten beim unglücklichen Menschen. Ich könnte ja Stunden und Stunden darüber meditieren, doch reicht mir die Kraft und die Zeit dafür nicht aus. Und so habe ich versucht, euch das Wesentliche darzulegen, das, was ihr verstehen und mit euren Begriffen erfassen könnt.
Ich möchte mich aber noch den glücklichen, den seligen, den zufriedenen Menschen zuwenden. Es gibt sie, und so wollen wir damit zufrieden sein, auch wenn es deren nur wenige sind, die von sich sagen: “Ich bin wahrhaftig ein glücklicher Mensch.” Ich würde einem solchen Menschen sagen: “Selig bist du, da du solche Worte sprechen darfst.”
Aber auch über das Zufrieden- und Glücklichsein gibt es verschiedene Auffassungen. Es gibt eine äussere, weltliche Zufriedenheit. Man ist zufrieden, weil das Äussere vorhanden ist, wie man es sich wünscht, weil es so gestaltet und geformt ist, wie man es gerne hat, weil keine Widerstände vorhanden sind – also auch das Glück kann ausschliesslich im äusserlichen Leben des Menschen liegen. Wenn ein solcher Mensch nicht weiter geprüft wird vom Schicksal, wenn er vom Schicksal nicht betroffen wird, dann kennt er eben diese harten Auseinandersetzungen nicht. Also ich habe es schon deutlich gemacht, dass die äussere Welt so grossen Einfluss auf den lebenden Menschen hat. Aber dieser Einfluss ist ja auch bei dem Menschen, der sich glücklich fühlt. Der eine ist zufrieden, wenn sich in seinem Leben alles nach seinem Willen abspielt. Dann mag er auch in seinen Ansprüchen bescheiden sein und sagen: “Ich bin zufrieden.” Es gibt aber auch Menschen, die von dieser irdischen Welt so viele Güter und Besitztümer haben, die reich an Gütern sind und doch nicht zufrieden sind damit. Aber diese Menschen meine ich nun nicht; denn sie würden zu denen gehören, von denen ich erklärte, ich hätte noch Stunden und Tage darüber zu meditieren. Und das kann ich nicht.
Aber zu den Glücklichen, Seligen, möchte ich mich hinwenden, um aber auch hier darauf aufmerksam zu machen, dass dieses Glück und diese Seligkeit nicht allein im äusseren Leben liegt. Wer nur auf diese Vergänglichkeit baut und glaubt, sein Glück nur in den äusserlichen Erscheinungen des Lebens zu finden, der ist auf dem falschen Weg. Wohl mag er vielleicht von diesem äusseren Glück auf lange Zeit oder sogar sein ganzes Leben lang beeinflusst werden. Aber es ist ja noch ein anderes Leben da, und er steht doch nicht für alle Zeiten in dieser vergänglichen Welt. Auch derjenige, der mit dem Äusseren zufrieden ist, hat ein Innenleben; auch bei ihm ist ein höheres Bewusstsein, das zum Ausdruck kommen will. Auch bei ihm ist das göttliche Bewusstsein, das angeregt werden will.
Wie ich erklärte: Alles hat seinen Niederschlag auf die Seele. Ist ein Mensch wirklich glücklich und zufrieden, ist es zum grossen Teil auch die Seele. Die Seele ist zufrieden, weil der äussere Mensch seine Zufriedenheit hat und weil sie glaubt, geschützt zu sein vor Ungemach, vor Unglück, vor Unzufriedenheit – also vor Belastungen. Ist der äussere Mensch zufrieden, hat der innere Mensch ja seinen Vorteil davon. Er muss nicht so in Ängsten leben vor geistigen Belastungen, die auf ihn übergehen. Wohl können solche auch vorhanden sein, aber niemals in dem Masse wie beim unglücklichen Menschen. Denn es gibt auch hier eine Übereinstimmung vom äusseren zum inneren Menschen. Der äussere Mensch beeinflusst den inneren auch in seinem Glück.
Nun kann ja der innere Mensch auch noch grössere Ansprüche an sich oder an den äusseren Menschen stellen; denn der innere Mensch richtet sich, wie ich schon betonte, nach dem Geistigen, nach dem Ewigen, dem Unvergänglichen. Seine Welt ist anders. Und wenn auch die Seele in Zufriedenheit lebt, so möchte sie doch grössere Errungenschaften haben und grössere Leistungen vollbringen. Doch wenn nun dieses göttliche Bewusstsein nicht auch den äusseren Menschen einnimmt, so kommt der inwendige Mensch in seinem Glück zu kurz. Denn der inwendige Mensch, der nun die äussere Zufriedenheit erleben darf, stellt andere, noch höhere Ansprüche – er stellt Ansprüche an das höhere geistige Leben. Der inwendige Mensch möchte nämlich nicht nur von der äusseren Welt beeinflusst werden; sondern er möchte von seiner Zufriedenheit und von seinem geistigen Verlangen, das in seiner Seele ist, auf den äusseren Menschen übertragen. Denn der inwendige Mensch möchte sagen: “Das Reich Gottes ist in mir; ich habe das Reich Gottes in meiner Seele. Und ich möchte von diesem Reich Gottes, von diesem göttlichen Glück, von diesem göttlichen Frieden, von dieser Seligkeit dem äusseren Menschen geben. Ich möchte den ganzen Menschen beeinflussen, damit er sich bewusst wird: ‘Das Reich Gottes wohnt in mir. Ich habe Frieden in mir. Ich empfinde Seligkeit in mir. Ich empfinde Glück in mir.’”
Aber dieses Reich Gottes ist nicht ein Reich von Egoisten. Im Reiche Gottes schenkt man, gibt man, während der Mensch gerne egoistisch ist und sein äusseres Glück nicht antasten lässt von andern. Er verwahrt es sorgfältig, er schliesst sich im eigenen Glück ein und wird sozusagen ein Egoist in seinem eigenen Glück, in seiner Zufriedenheit. Er wird ein Egoist seines Glücks, weil er kein Verständnis mehr aufbringt für die Not, für das Leid und die Bedrängnis des Nächsten; weil er nur in sich hineinlebt, weil er nur sein eigenes äusseres Glück auslebt und niemanden teilhaftig werden lässt an seinem Glück. Er schliesst sich ein in seinem Glück, er ist zufrieden in seinem Glück. Wohl vermag er freundlich zu sein zu den Mitmenschen, aber er ist und bleibt ein Egoist. Er muss es nicht sein; aber sehr oft ist es so, dass Menschen Egoisten ihres eigenen Glücks sind, weil sie die Not und die Bedrängnis anderer nicht mehr fühlen können, weil das äussere, scheinbare Glück sie ganz umfangen und eingekerkert hat. Das ist kein wahres Glück. Doch gibt es viele solcher Menschen, die so in ihrem Glücke Egoisten sind, die Gefangene ihres eigenen Glücks sind – eines Glücks, das aber vergänglich ist, das einer vergänglichen Welt angehört und keine geistigen Verdienste gibt, weil Egoismus dabei ist. Demgegenüber ist das wahre Glück der Seele – also da, wo die Seele sagt: “Das Reich Gottes ist in mir” – ein Glück, das man schenkt, das man gibt und entfaltet. Man freut sich über das Glück anderer, und man tut alles, damit das eigene Glück, das man besitzt, auch Besitz des andern wird, dass auch andere sich an diesem Glücke erfreuen können.
Das Reich Gottes in sich haben heisst: die Liebe in sich haben, wie Gott sie besitzt. Und Gott in seiner Liebe, er gibt. Gott behält das Glück ja auch nicht nur für sich allein. Er schliesst sich nicht ab in seinem Glück, sondern er will sie alle teilhaftig werden lassen an seinem Glück, an seinem Frieden. Sie alle sollen daran teilhaben. Es soll kein egoistisches Glück geben. Man soll nicht Gefangener seines eigenen Friedens oder Glücks sein, indem man nichts anderes mehr sieht. Solches Glück ist menschlich, ist vergänglich. Wer solches Glück empfindet, hat Verpflichtungen – die Verpflichtungen können ihm aber erst bewusst werden, wenn er sich dem göttlichen Leben zuwendet, sich Gott zuwendet, wenn er sich nach Gottes Gesetzen erkundigt und nach diesen Gesetzen lebt. Denn Gottes Gebote sind offenbar, und sie erklären, was zu tun ist. Sie gelten nicht nur für den einen, sie sind für alle da – für alle.
Das Reich Gottes in sich haben heisst so glücklich, so zufrieden sein. Es ist kein eingeengtes, begrenztes Glück. Es ist ein Glück, das sich ausweitet, das will, dass alle daran teilhaben. Darüber gibt es vieles zum Nachdenken und sich selbst zu fragen: “Habe ich das Reich Gottes in mir?” Wie glücklich müssen jene Menschen sein, die das Reich Gottes in sich tragen. Denn sie beeinflussen doch wohl auch den äusseren Menschen. Aber dieser äussere Mensch steht in einer Welt der Versuchung, des Vergänglichen, die ihm rauben will, was er für die Ewigkeit zu sammeln versucht. Die äussere Welt will ihm vernichten, was er im Geistigen aufbaut. Äussere niedere Einflüsse sind in der Welt des Menschen, die kein Interesse an seinem Glück besitzen. Zunichte machen wollen sie, was er aufgebaut hat oder was er im Begriffe ist zu bauen.
Nun, liebe Geschwister, mit der Osterzeit kommen Tage der Besinnung zu euch und, ich möchte sagen, der inneren Einkehr. Suche deinen Frieden, lebe deinen Frieden unter den Menschen. Lebe keinen egoistischen Frieden, entfalte göttliches Bewusstsein. Es ist grosszügig, so angenehm, so schön; es macht das Leben wirklich lebenswert.
Nun, liebe Geschwister, ich habe viel auf euch eingesprochen. Möge doch einiges davon in euch eingedrungen sein; so wollen wir damit zufrieden sein. So möge Gottes Segen euch alle begleiten. Gott zum Gruss.
Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 19.3.1969 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Heft 2/2021
21 Seiten, 21 × 29,7 cm