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Das Vaterunser
Beschreibung
“Meister, lehre uns beten”, hatten die Jünger Christus einst gebeten. Das Gebet, das Christus sie lehrte und das heute von den Christen in aller Welt gebetet wird, ist die Offenbarung des Heilsplanes Gottes. Es umfasst alles, was Gott gefällig ist, und alles, wessen der Mensch in seinem Leben bedarf. In mehreren Vorträgen in diesem Heft erläutern unsere geistigen Lehrer Josef und Lene die einzelnen Bitten des Vaterunsers und legen uns so den tiefen Sinn dieses Gebets nahe. Man soll das Gebet nicht gedankenlos vor sich hin sprechen, sondern mit Innigkeit und Andacht beten und bei jeder Bitte wissen und sich überlegen, was man spricht. So kann das Gebet in einem lebendig werden und sich zu einer Kraft entfalten, die einen immer wieder zum Guten ermahnt und befähigt, das Unrecht zu lassen.
Im Frageteil des Heftes geht Geistlehrer Josef auch auf die Bitte “Führe uns nicht in Versuchung” ein und erläutert, dass hier ein Übersetzungsfehler vorliege. Gott führe nicht in Versuchung, sondern die tiefen Mächte, die immer bereit sind, an den Menschen heranzudringen. Man könne daher “Führe uns in der Versuchung” sprechen, denn diese Versuchungen sind Prüfungen, die Gott zulässt.
Themenheft 3/2021: Das Vaterunser
Inhalt
Das Vaterunser ist die Offenbarung des Heilsplanes Gottes
Josef, 15. Januar 1955
Das Vaterunser ist die Offenbarung des Heilsplanes Gottes
Das Gebet, das Christus der Menschheit gegeben hat, ist voller Kraft. Es enthält alles, was der Mensch in seinem Leben braucht.
Josef: Gott zum Gruss. Meine lieben Freunde, das Leben und Wirken eines Menschen auf erhöhter Stufe ist etwas Wunderbares. Von ihm wird aber auch viel mehr verlangt als von einem Menschen, der Gott nicht in besonderer Weise die Ehre gibt, der Gott nicht besonders dankbar ist, der in den Tag hinein lebt und, was ihm gegeben wird, nimmt ohne Dankbarkeit. Wer sich zu den geistigen Höhen emporgeschwungen hat, ist bestimmt auch stark geworden und wird sich Mühe geben, seinen bereits gewonnenen geistigen Reichtum und seine gehobene Stellung immer behalten zu können. Er wird überall grössere Sorgfalt hineinlegen, denn er hat erkannt, dass man mit dem Betreten dieser geistigen Höhen Gott näherkommt; er hat erkannt, dass göttliche Kraft aus seiner Seele dringt, und er hat erkannt, dass von dieser Ebene aus man in Einheit mit Gott, Christus und der ganzen göttlichen Geisterschar leben kann.
Wie wunderbar hat doch Christus die Menschen gelehrt, zu ihrem Vater zu beten; denn seine Jünger baten ihn einst: “Meister, lehre uns beten.” Und das Gebet, das Christus sie lehrte, ist die Offenbarung des Heilsplanes Gottes, und so wird es noch heute verrichtet von der Christenheit. (Luk. 11, 1–4; Mat. 6, 9–13.)
Die Menschheit hat Christus so viel zu verdanken, denn er, der selbst die Liebe und Güte ist, hat allen den Weg zu Gott geebnet und gezeigt. Wie darf doch jeder Einzelne sich an Christus halten, da er gesagt hat: “Wenn du mühselig und beladen bist, dann komme zu mir” (Mat. 11, 28).
Ich möchte euch den tieferen Sinn dieses Gebets und der Belehrungen Christi wieder nahelegen; denn ich spreche immer von der Liebe, die ihr üben müsst, dass man seine Nächsten lieben, den Hass überwinden muss. Wenn Christus die Menschen beten lehrte:
“Vater unser, der Du bist im Himmel”,
so bedeutet das doch, dass ein jeder ein und denselben Vater hat. Und wenn der eine in seinem Leid den Vater um Hilfe bittet oder dort einer in Glück und Freude zum Vater betet, so muss doch jeder zu dieser Überlegung kommen, dass es der Vater aller ist, der von allen seinen Kindern erwartet, dass sie sich gegenseitig die Liebe und Achtung schenken. Wenn in einer Familie gut erzogene Kinder herangewachsen sind, werden diese in späteren Jahren, wenn die Eltern nicht mehr im Erdenreiche weilen, einander beistehen, wenn das eine oder andere in Not kommt. Wer von den Eltern gut und fromm erzogen wurde, wird den andern helfen mit Rat und Tat, weil sie Geschwister sind. Sie tun es aus Liebe zum Vater, zur Mutter, sie wollen auf diese Weise das Andenken der Eltern bewahren, weil sie wissen, dass Vater und Mutter dafür eingestanden wären, wenn über eines ihrer Kinder Not gekommen wäre. Wenn nun der Mensch aufblickt zu Gott, ihn lobt, preist, bittet, ihn ruft: “Vater unser, Vater aller” – ja dann bewahrt er doch auch das Andenken an Christus, der die Menschen so beten lehrte.
Und wenn ihr, liebe Freunde, sprecht:
“Geheiligt sei Dein Name”,
so erkennt ihr doch, wie heilig, aber auch wie mächtig und gerecht, wie liebevoll und gnadenvoll der himmlische Vater wirkt. Wer dann von dieser Ebene aus betet: “Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt sei Dein Name”, der weiss, dass er ein Kind dieses Vaters ist und was er dem himmlischen Vater schuldet. Er weiss aber auch, dass in ihm selbst ein Hauch göttlicher Kraft ist; er weiss, dass der Atem Gottes alles überzieht und dass er so in dieser Kraft leben und wirken kann. Wie verpflichtet ihn das doch alles, das Andenken an Christus wirklich zu bewahren.
Wenn ihr betet,
das Reich Gottes möge zu euch kommen,
wenn ihr darum bittet, dass auch ihr in das Reich Gottes eintreten könnt – wobei ihr wisst, wie viel es braucht –, und ihr euch bemüht, als gerechte Menschen zu leben, dann erkennt ihr auch, wie weit ihr eingedrungen seid in das Reich Gottes, und erkennt die Bedingungen, die zu erfüllen sind, um in diesem Reiche Gottes zu wandern. So hat der Mensch sich ständig darum zu bemühen. Er muss wirklich Sorge tragen zu dem Reichtum, den er zusammengebracht hat, dass er nichts mehr davon verliert, dass er ihn behalten kann, auf dass dieser geistige Reichtum ihm immer leuchtet, wenn er in das Reich Gottes einzutreten wünscht. Ihr bittet, dass das Reich Gottes kommen möge. Es ist aber schon im Erdenreich. Der Mensch muss nur hineintreten und sich bemühen, die Stellung auch bewahren zu können, denn im Reich Gottes hat er in Liebe und Frieden zu leben. Christus hatte seinen Jüngern die Füsse gewaschen zum Zeichen der Bescheidenheit und der Demut. Wenn du, lieber Freund, erkennst, dass du nun auf einer geistig gehobeneren Stufe bist, und du willst nun in diesem Reiche Gottes ständig verweilen, dann musst du wissen, dass du nur dann darin verweilen kannst, wenn du Erniedrigungen zu ertragen vermagst, wenn du dich ständig in der Geduld und in der Gerechtigkeit übst, wenn du dich immer um den Frieden bemühst. Dann wirst du diese Stellung im Reiche Gottes bewahren können. Ich sage aber, es gibt einen wirklichen Kampf, und es wird hierin von dem geistig Erstarkten mehr verlangt als von einem Schwachen.
So du nun schon seit längerer Zeit hierherkommst, hast du bestimmt auch eine gewisse Kraft in dir, die dich verpflichten kann, das Andenken Christi zu bewahren. Und dann soll es dir bewusst sein, dass Christus selbst gesagt hat: “Wer eines dieser Ärmsten aufnimmt, nimmt mich auf.” Wer die Gebote so hält, wie Christus es lehrte und wie es von der Menschheit verlangt wird, wer die Kraft aufwendet, ein wahres christliches Leben zu führen, der bewahrt das Andenken Christi. Und es ist gut, den Gedanken festzuhalten, dass es Christenpflicht ist, das Andenken Christi so zu bewahren, indem man ihm nachfolgt und so mithilft, dass alles, alles im Heilsplane Gottes in Erfüllung gehen kann.
Immer beten die Menschen dieses Gebet, das Christus sie gelehrt hat. Aber bei vielen ist keine Lebendigkeit darin, sie können keine Verbindung finden zu Gottes Nähe. Denn man soll das Gebet nicht nur so gedankenlos vor sich hin sprechen; man soll wissen und sich überlegen, was man spricht. Wie wunderbar eignet sich dieses Gebet zur Meditation. Wenn ihr ganz alleine für euch seid, dann sollt ihr darüber nachdenken. Und wenn ihr die Kraft habt auszuharren, dann sollt ihr auch die Kraft erfühlen, die durch euch dringt infolge dieser Annäherung, infolge dieser Gehobenheit, wenn ihr es im Andenken an Christus tut. Eine ungeheure Kraft dringt auf euch ein; denn so steht ihr in der Einheit mit Gott, seinem Sohne und der ganzen göttlichen Geisterschar. So werden die Wege geebnet, so finden die Himmelsboten den Weg zu euch. Je mehr Lebendigkeit in euch ist, je grösser die Energie, je grösser der Wille, immer das Gute zu tun, umso grösser wird euer Reichtum im Geistigen sein. Und dann: Wer in das Reich Gottes eingetreten ist, erkennt doch so viel; er erhält nicht nur Kraft für sein Leben und Erkenntnis, sondern er weiss auch, dass es in Gottes Gerechtigkeit und Güte lag, ihn so zu segnen, ihm das zu geben, was er besitzt.
Wenn aber das eine oder andere sein Lebensschifflein in den Sturm hineinführt, dann ist es seine eigene Schuld; denn Gott hat dem Menschen den freien Willen gegeben – das Schönste, was er ihm geben konnte. Der Mensch soll frei entscheiden über diese oder jene Dinge. Durch sein freies Handeln aber, durch dieses gewaltige Geschenk, gibt der Mensch seinen Abstand von Gott kund, seine Entfernung oder seine Nähe zu Gott. Denn der Wille des Menschen ist etwas Wunderbares; er kann ganz nach seinem Gutdünken entscheiden in verschiedenen Dingen. Wer aber sich darum bemüht, diese geistigen Höhen zu erreichen, der bittet um Erkenntnis, dass er das Richtige tut und dass es zugleich der Wille Gottes ist. Denn
der Wille Gottes soll geschehen,
und der Wille des Menschen ist nicht immer nach dem Willen Gottes. So braucht es grosse Kraft, auszuharren, geduldig zu sein, immer wieder das Bitten um Erkenntnis, dass der Weg gezeigt wird. Und auf diesen Höhen kann der Mensch auch erfahren, was er tun muss, denn von dort aus sind die Inspirationen für ihn klarer, reiner. Wenn er diese Höhen erreicht hat, wird er das Richtige hören. Wer also noch unsicher ist, noch nicht erkennen kann, der muss sich noch mehr bemühen aufzusteigen. Und er soll sich immer bewusst sein, das Andenken Christi zu bewahren; dann wird eine wunderbare und heilsame Kraft zu ihm dringen, denn er stellt die Verbindung zum Reiche Gottes in seiner Art her, und auf diese Weise werden ihm Kräfte zugeführt.
Ich bemühe mich immer, euch schon auf eine gewisse Höhe zu bringen, nur von dieser Höhe aus zu sprechen und euch weiterzuführen. Wenn ihr nun in der nächsten Zeit versucht, in der Weise zu wirken, dass ihr in allem, was ihr Gutes tut, euch auch bewusst seid, dass ihr das Andenken an Christus bewahrt, dann wird der Segen vielfach zu euch kommen.
Ihr betet um das tägliche Brot. Ich brauche euch nicht zu erklären, dass mit dem Beten um das tägliche Brot allein euch dasselbe nicht im wörtlichen Sinn in den Schoss gelegt wird, sondern im Gebet um das tägliche Brot ist mehr enthalten: dass Gott die Erde so segnen und ihr Regen und Sonnenschein zukommen lassen möge, die zum Wachstum des Brotes für einen jeglichen nötig sind. Die Worte
“Gib uns heute unser tägliches Brot”,
sie bedeuten, dass man in der Stille bitten und flehen kann um den Segen für diese Erde, um den Segen für alle Menschen, auf dass alle so gekräftigt werden, dass sie fähig sind, ihr Brot zu verdienen. Durch dieses Bitten erfleht ihr auch die Gesundheit, denn Gott weiss, dass du gesund sein musst, wenn du dein Brot verdienen sollst. Bist du schwach und müde, wird es nicht gut bestellt sein um dich. Deshalb ist es notwendig, seinen Körper immer zu pflegen, die Verhältnisse so zu fördern und so vorzusorgen für das tägliche Brot. In einigen Worten nur bittest du um das tägliche Brot, und Gott weiss schon, was du alles nötig hast. Er wird dir und der Erde jene Kräfte zukommen lassen, die ihr benötigt. Wenn du nun in der Stille betest um dein tägliches Brot, so halte diesen Gedanken in dir fest: “Segne Du, Vater, unsere Erde, segne alles im Erdenreich, Mensch und Tier, alles.” Denn durch dieses vertieftere Denken schaffst du dir ganz andere Bedingungen. Und wenn es nun einfach nicht möglich ist, dass der eine sein Wirken von dieser geistigen Höhe aus entfaltet, so wird er doch sein Bestes tun auf seiner Stufe; und wenn er sich Mühe gibt, so wird er langsam aufwärtsschreiten, und die himmlischen Boten werden ihn stützen, und auch seine erstarkten Geschwister im Erdenreich werden ihm eine Stütze sein, dass er diese geistigen Höhen auch erreichen kann.
Ihr bittet auch um Vergebung eurer Schuld, wie auch ihr vergeben wollt.
Hierin offenbart sich vom Heilsplane Gottes etwas so Wunderbares. Wer selbst gibt in Liebe und Freiheit, empfängt das Doppelte, das Zehnfache, ja oftmals noch viel, viel mehr. Der eine darf es schon im Erdenleben erfahren, dass er für sein Geben gesegnet wird, an Gesundheit und materiellem Gut; andere wieder dürfen all das Wunderbare dereinst im göttlichen Reiche empfangen, es bewundern und sich daran erfreuen, an diesem gewaltigen Reichtum an geistigem Gut, den sie in ihrem Erdenleben aufzubauen vermochten. Denke also nie: “Es nützt mir nichts.” Bewahre stets das Andenken Christi, und erfülle so den Heilsplan Gottes durch die Erfüllung deiner Aufgaben. So bittest du um Vergebung deiner Schuld, von ungerechten Taten. Wenn du ganz frei bist und es vermagst, einem Menschen zu vergeben und ihm deine Zuneigung zu schenken, der nicht deine Liebe hat, dann wird auch dir vergeben. Denn du hast bestimmt schon Dinge in deinem Leben getan, die Gott nicht billigen kann, worüber du dir eigentlich gar nicht recht bewusst bist. Da waltet die Gnade und Güte Gottes, da wird vom himmlischen Reiche aus den Menschen vergeben. Dieses Vergeben heisst, dass Gott verzeiht und du frei bist, also ohne die Last der Sünde. Und darauf kommt es an: so viel wie möglich solcher Lasten sich zu entledigen, und das geschieht auf diesem Wege.
Christus hat dieses wunderbare Gebet gesprochen, und es ist so voller Kraft. Denn es enthält alles, alles, was du in deinem Leben brauchst. Du bittest für die kranken Freunde. Gott weiss, dass du besorgt bist um dieses und jenes deiner Lieben. Er hat Kenntnis von deinen Gedanken, von deinen guten Wünschen, von deinem guten Willen. So wird alles nach den göttlichen Gesetzen sich erfüllen. Darum ist dies das wunderbarste Gebet, das Menschen sprechen können.
Ihr bittet auch darum,
dass ihr nicht in der Versuchung fallet.
Ja, derjenige, der schon oftmals geprüft wurde und durchgehalten hat, er soll auch gleich die Kraft fühlen, die ihm zur Belohnung zugeflossen ist, wenn er überwinden konnte. In der Zeit der Versuchung sollt ihr beten um Kraft und Hilfe, dass die himmlischen Boten euch beistehen. Und wer nun diese geistigen Höhen erreicht hat, soll ja nicht glauben, dass er nicht mehr versucht würde. Immer wieder werden solche Versuchungen verschiedenster Art an die Menschen herandringen, um sie zu Fall zu bringen, worüber sich die niederen Mächte nur freuen würden, wenn sie einen von diesen Höhen herniederzureissen vermöchten. Nein, ihr sollt in der Zeit der Versuchung um Kraft bitten. Versucht eure Gedanken auf ganz andere Dinge hinzulenken. Dies wird vielen die Überwindung erleichtern.
So, liebe Freunde, mit all den Worten dieses Gebets schafft ihr eine wunderbare Verbindung zu Gott und zu Christus. Dann wird euch viel Segen zuteil, Segen, der sich jetzt oder in der nächsten Zeit oder in einigen Jahren erst auswirkt. So sollt ihr bemüht sein, das Andenken an Christus immer zu bewahren.
Es gibt Menschen, die sagen: “Ich brauche nicht zu beten, ich brauche auch nicht an Gott zu glauben; ich weiss schon, was ich zu tun habe.” Menschen, die so sprechen, sind nicht auf diesen geistigen Höhen angelangt. Auch wenn sie versuchen, gerecht zu leben, so haben sie den Geist des lebendigen Glaubens nicht in sich, und ihr Wirken und Handeln ist nicht so segensreich wie bei jenen, die es Gott zuliebe tun und um das Andenken Christi zu bewahren. Denn seht, es sind solche, die ihr Lebensschifflein den Stürmen gerade entgegensteuern und die dann um Hilfe rufen, wenn ihre Kräfte versagen. Dann kann es wohl geschehen, dass vielleicht einmal eine gütige, starke Hand zugreift und diesen Menschen aus seiner Not zieht. Es kann aber auch sein, dass die Kräfte zur Rettung aus diesen Stürmen nicht mehr reichen, weil der Betreffende viel zu lange zugewartet hat, weil er sich viel zu weit und zu tief in diesen Sturm hineingesteuert hat. Nun wirkt sich das Gesetz Gottes aus, und er muss warten, warten, bis der Sturm sich legt.
Meine lieben Freunde, ich habe anfangs betont, dass es für den Menschen etwas Wunderbares sein muss, von der geistigen Höhe aus wirken zu können. Überlegt euch nun einmal das alles, was ich heute gesprochen habe, und versucht so noch mehr, euren Glauben lebendig zu gestalten, damit euch die wahre göttliche Hilfe zuteilwird, dass ihr den Hauch göttlicher Kraft auf eurer Seele spürt, dass ihr den Atem Gottes, der euch umgibt, der alles umgibt, erkennt, dass ihr in seiner Liebe und Gerechtigkeit und Einheit lebt. So werdet ihr zu glücklichen, frohen Menschen. Trost werdet ihr empfangen, ein jedes, ob krank oder sonst mit einem Leid oder einsam. Jedem, jedem kann gegeben werden, wenn es seinerseits die Bedingungen dazu erfüllt.
Meine lieben Freunde, so gehet alle wieder hinaus, und wirkt und lebt in Frieden. Und der Segen Gottes sei über euch allen, über euch und eurem Haus. Gott zum Gruss.
Vortrag von Geistlehrer Josef vom 15.1.1955 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Erstveröffentlichung in der Zeitschrift “Geistige Welt”)
Eine meditative Führung über das Vaterunser
Lene, 19. Februar 1958
Eine meditative Führung über das Vaterunser
Lene: Beginnen wir diese Stunde mit einer Meditation über das Vaterunser oder das Unservater – du kannst es nennen, wie du willst, ich tue es auf meine Art. Dich bindet dein Lichtlein in dir zum himmlischen Vater, zu deinem Vater, zu meinem Vater. Durch dein Licht bist du mit ihm verbunden. Es war sein Wille, dass du lebst. Du sollst von seinem Licht einen winzigen Funken in dir tragen. Du bist ein Kind des himmlischen Vaters. Auch dein Nächster ist es.
Vater unser.
Das verpflichtet dich, deinen Nächsten als deinen Bruder, als deine Schwester zu behandeln. Unser Vater – Kind sein des gleichen Vaters wie sie alle. Ich kann nicht allzu lange dabei verweilen; aber wunderbar würde es sich zu Hause darüber meditieren lassen. Wenn du dort die Ruhe hast, dann denke einmal in der Weise über das Vaterunser nach. Du betest weiter:
Der Du bist im Himmel.
Er im Himmel, du auf Erden.
Vater unser, der Du bist im Himmel.
Zu ihm empor wendest du deinen Blick: Welche Seligkeit, welche Herrlichkeit, der Himmel so schön; dort thront der Schöpfer, dein Vater, unser Vater, in den herrlichsten Himmeln.
Geheiligt werde Dein Name.
Geheiligt ist sein Wille, heilig sind seine Gesetze, heilig sein Name. Du, sein Kind, trägst einen Funken seines Lichtes in dir. Heilig sein Wille. In seinem Willen lag es, dass du hier auf dieser Welt leben sollst – auch in Bedrängnis, auch dann und wann in Krankheit, in Not; sein heiliger Wille war es. Warum musst du vielleicht in Bedrängnis leben, wenn alles in seinem heiligen Willen liegt? Hast nicht auch du deinen Willen? Möchtest du ihn nicht dem Willen des himmlischen Vaters unterstellen, damit sein Wille auch wirklich mit dir geschehe?
Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden.
Die Gesetze wurden gegeben für alle Geschöpfe. Sie sind heilig; alles vollzieht sich nach diesen heiligen Gesetzen. Betrachte die Gesetze der Natur, betrachte die Gesetze Gottes, die für dich aufgestellt wurden. Wie vieles kannst du erkennen? Die Gesetze erfüllen sich im Himmel und auf Erden nach Gottes heiligem Willen. Sein heiliger Wille war es, dass du hier lebst, da, wo du stehst. Du kennst die Gebote Gottes; darüber kannst du stundenlang meditieren, und du wirst in wunderbarer Weise gekräftigt. Nach deinen besten Kräften versuche sie zu erfüllen.
Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name, zu uns komme Dein Reich.
Im Reich der Seligkeit wohnt der himmlische Vater, in der Harmonie. Sein Reich komme zu dir, das Reich des Friedens, der Güte, der Liebe, des Verständnisses, der Bereitschaft. Sein Reich ist herrlich; voll der Friedfertigkeit sind dort alle Wesenheiten. Mögest auch du um dich ein Reich der Harmonie schaffen. Du kannst es, wenn du in der Gesinnung jenen ähnlich wirst, die in den Höhen wohnen. Sie sind voll der Bereitschaft, voll des Helferwillens, immer da zum Dienen; sie können nicht anders, im Reich der Seligkeit wird nur in der Weise gewirkt. So muss dieses Reich zu dir kommen, durch deinen Willen, es zu besitzen, durch deine Anstrengung. In all dem, was ich dir sagte, findest du es, baust es auf um dich, das himmlische Reich Gottes. Warum wird betont: Reich komme zu uns”? Es gibt auch ein anderes Reich. Um nicht Diener jenes andern Reiches zu werden, musst du dich anstrengen und tun, wie ich dir sage. Lobe den Namen des Herrn. Heilig ist er, heilig seine Gesetze, heilig sein Wille, dass du auf Erden lebst mit deinen Sorgen und Problemen; denn seine Gesetze wirken sich aus an dir. Wirb nicht um das andere Reich, schliesse keine andere Freundschaft ausser mit dem Reiche Gottes. “Dein Reich komme” – so wird es betont, weil es ja noch ein anderes Reich gibt, und jenem sollst du nicht dienen. “Dein Wille geschehe” – er geschehe an dir. So sprich: “Heilig, himmlischer Vater, bist Du!” Denn klagst du über dich, über den Nächsten – der himmlische Vater hat dir das Licht zum Leben geschenkt, und alles vollzieht sich nach seinen heiligen Gesetzen. Sein Wille geschieht im Himmel und auf Erden, sein heiliger Wille geschieht auch mit dir.
Vater unser, der Du bist in den Himmeln, geheiligt werde Dein Name. Zu uns komme Dein Reich, Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden. Führe uns in der Versuchung.
Du möchtest in der Versuchung nicht fallen. Ja, vergiss nicht, dass auch das andere Reich um dich wirbt, auf dass du sein Diener werdest. Du aber kannst nicht heute diesem Reiche dienen, morgen jenem, wenn du zu diesen Höhen aufsteigen willst. Überwinde die Versuchung, und bitte um Erlösung. Immer wieder kommt sie, die Versuchung. Bist du heute geistig so erstarkt, dass du daran denkst – an Gott, an seine heilige Welt, in die du eingehen sollst, wenn du mit ihm einig geworden bist? Einig wirst du mit ihm, wenn du nach seinem heiligen Willen lebst. Einig wirst du mit ihm, wenn du Liebe spendest wie er, wenn du verzeihen kannst wie er, wenn du immer aufs Neue Wege schaffst zum Vorwärtsschreiten. So ist Gottes Güte, so wirkt der Vater aller. Unser heiliger Vater – zu ihm sollt ihr beten. Er thront in den Himmeln. Ihr wurdet nie gelehrt, zu beten: “Vater, der Du überall bist.” Es strahlt seine heilige Kraft überallhin; sein heiliger Wille wird überallhin getragen. Er aber thront im Himmel. Du betest ja: “Vater unser, der Du bist im Himmel.” Herrlich ist sein Haus, herrlich jene Ströme, die sein Haus begrenzen, herrlich die himmlischen Gärten und Wälder, herrlich die geistigen Höhen, herrlich die Welt der Glückseligkeit, wo unser, wo dein himmlischer Vater wohnt.
Meditative Führung von Geistlehrerin Lene vom 19.2.1958 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Erstveröffentlichung in der Zeitschrift “Geistige Welt”)
Das Vaterunser – eine Hingabe an den Herrn
Lene, 18. September 1961 (Ausschnitt)
Das Vaterunser – eine Hingabe an den Herrn
Lene: [...] Liebe Geschwister, das Gebet, das Christus die Jünger lehrte, wird heute noch von der Christenheit gebetet. Und wenn vielleicht dieses oder jenes Wort eine Veränderung erfahren hat, so ist der Sinn doch derselbe geblieben. Wie vieles findet man in diesem Vaterunser! Ob man nun “Vater unser” oder “Unser Vater” sagt – es bleibt sich gleich. Man will oder Christus wollte sagen: “Siehe, der Vater, von dem ich spreche, von dem ich immer rede und zu dem ihr beten sollt, ist nicht hier auf Erden. Der Vater hat seine eigene Wohnung. Er wohnt über euch, er ist im Himmel. Er hat sein Reich, und dort thront er über euch. Ihr sollt es wissen, der Vater ist im Himmel.” Und so weckte Christus den Glauben und lehrte seine Jünger beten: “Vater unser, der Du bist im Himmel.”
Und er lehrte sie, den Namen Gottes heilig zu sprechen. Wenn sie beten und in Gottes Nähe kommen wollten, sollten sie den Namen Gottes heilig sprechen. Denn einer bedeutenden irdischen Persönlichkeit oder einem irdischen König erweist man auch die Ehre, man begegnet ihm auch mit Ehrfurcht. Wie viel mehr muss man Gott, dem Schöpfer, dem liebenden Vater diese Ehrbezeugung geben und ihn als heilig, heilig ansprechen. Heilig ist sein Name – das sollten die Jünger wissen –, und der Name Gottes soll nie, nie in Unehre gebracht werden. Nie. Man sollte sich das merken. Hoch über den Menschen thront er, der himmlische Vater, und geheiligt werde sein Name.
Man bittet darum, dass sein Wille geschehen möge im Himmel und auf Erden. Das ist gar nicht so einfach. Die Menschen möchten nur allzu gerne ihren eigenen Willen erfüllt sehen. Man möchte seine eigene Meinung haben, man möchte seinen eigenen Willen durchsetzen, und man findet seinen eigenen Willen heilig, der nicht angefochten werden soll. Man will sich als gläubig bezeichnen, und durch ein Lippengebet spricht man, dass der Wille des Vaters geschehen möge im Himmel und auf Erden; aber man ist nicht mit der ganzen Seele dabei, dass der Wille Gottes geschehen möge im Himmel und auf Erden. Mancher hat Hoffnung, dass sein eigener Wille durchgesetzt wird und in Erfüllung geht. Und der Wille Gottes ist manchmal sehr weit entfernt vom Willen des Menschen. Gott aber will das Beste für den Menschen – doch der Mensch sieht es nicht ein, und er fängt an zu hadern und betrachtet es als eine Ungerechtigkeit. Ein solcher Mensch ist nicht starken Glaubens, er lebt nicht in der Einheit mit Gott, er nähert sich Gott nicht. Ja man betet so leicht: “Dein Wille geschehe.” Aber wenn dann die grossen Prüfungen kommen, da möchte man wünschen, dass der persönliche Wille zum Ausdruck kommt.
Die Menschen könnten darüber meditieren. Sie könnten sich läutern, um den Willen Gottes zu erkennen, um zu erkennen, was gut ist, sodass sie sich wirklich dem Willen Gottes fügen. Das ist keine einfache Sache. Betrachtet einmal euer eigenes Leben. Ihr seid auf euch ausgerichtet, auf euer und eurer Familie Wohlergehen. Ob euer irdisches Wohlergehen auch euer geistiges Wohlergehen ist, ist nicht immer gesagt. Vielleicht ist in diesem irdischen Wohlergehen manches kleine Häklein, das euch am geistigen Aufstieg hindert. Ihr aber findet dieses Wohlergehen vollkommen in Ordnung. Man könnte darüber meditieren, und es wäre ratsam für den Menschen, zu Lebzeiten nicht an diesen irdischen Gütern zu hängen, sich nicht an sie zu ketten. Man sollte es so weit bringen, dass man jeden Tag das Kostbarste, was man hat – gleich welcher Art es ist –, wie ein Nichts hergeben kann, dass man nicht mit Leib und Seele an seinem Gute hängt. Ist das so einfach? Nein. Wir wissen es schon. Es gab zu Jesu Zeiten auch solche Beispiele (vgl. Mat. 19, 16–24). Aber man kann sich in dieser Beziehung doch etwas erziehen, man kann es doch so weit bringen, dass man sich bis zu einem gewissen Grad vom Irdischen freihalten kann und sich nicht daran verkauft.
Wir verlangen vom Menschen nicht, dass er sein Hab und Gut verschenken soll und er nachher betteln müsste. Wir sind auch der Meinung, Gott hat jedem Vernunft und Verstand gegeben. Aber das Gleichgewicht muss vorhanden sein und das, was in Gott ist: das Gebenkönnen mit vollen Händen. Ich meine jetzt nicht euer irdisches Gut, sondern mit vollen Händen geben können muss man von Gerechtigkeit und Frieden; von allen geistigen Tugenden soll man mit vollen Händen geben können. Dann wird sich unwillkürlich alles andere auch bereinigen, also auch das, dass man sich nicht trennen will vom irdischen Gut. Du kannst heute noch so viel haben, und morgen kann alles in Nichts zerfallen sein. Gott kann die Erde erbeben lassen, und dein Hab und Gut kann in sich zusammenstürzen. Ja, Gott könnte es, wenn er wollte. Aber manchem wird sein Besitz zur Prüfung; und für manchen, der Besitz hat, ist es keine Prüfung, weil er seine Seele nicht daran gekettet hat, weil er frei ist davon, weil er geben kann.
So finden wir unter den Menschen so verschiedene. Wir sehen welche, die sich um den Aufstieg bemühen; sie sind so frei, sie können geben, sie sind nicht gekettet an das irdische Gut. Und wir sehen Menschen, die sich um den geistigen Aufstieg bemühen, aber sie klammern sich an alles, was nur zu halten ist, um nichts oder nur so wenig wie möglich davon zu geben. Warum denn? Für was denn? Hat man doch jeden Tag zu leben. Natürlich haben wir eine ganz andere Anschauung, denn für uns ist der Glanz dieses irdischen Gutes ja nur Schatten, es ist kein Glanz. Schatten ist es nur, und man klammert sich an etwas, was gar nicht vorhanden ist, was nur scheinbar vorhanden ist. Es hilft und nützt euch nichts, denn mit irdischen Gütern kann man nicht ins Jenseits kommen, nur mit dem geistigen Gut.
Ja, ein gütiges Lächeln einem armen Menschen gegenüber kann grosser Reichtum sein oder zu Reichtum werden. Betrachtet eure Welt, wie sie ist. Da gibt es ein Jagen, und die Zeit spielt eine Rolle – so viel muss geleistet werden, um zu leben, und man schreitet an manchem vorüber, der keines Blickes gewürdigt wird. Vielleicht ist es ein missgestalteter Mensch, ein armseliger, ausgestossener Mensch; vielleicht kann er nicht einmal laufen, vielleicht stolpert er nur so einher. Man hat doch keine Zeit für so einen Menschen. Man schreitet in der Hetze des Lebens an ihm vorbei, man macht sich keine Gedanken über ihn: “Armer Mensch, armer Mensch – du trägst Gottes Funken in dir und lebst als Segen in dieser Welt. Als Segen lebst du, als armseliges Menschenkind humpelst du daher – ja, als Segen.” Die Leute, die an ihm vorübergehen, sehen den Segen nicht, der in diesem Menschen ist; sie würdigen ihn keines Blickes. Bedenke, wie wohltuend es für einen solchen Menschen ist, wenn man ihm einen verständnisvollen Blick, ein Lächeln oder vielleicht eine Gabe gibt. Wie wohltuend! Nicht nur Tage, sondern Wochen, Monate ist diese Wohltat in diesem Menschen. Und der Segen entfaltet sich. Dem Menschen ist der Glaube an die Güte und an die Liebe der Mitmenschen gegeben. Ihm bedeutet vielleicht eine einzige Handlung unendlich viel. Ja, Menschen haben in der heutigen Zeit nicht Auge und nicht Ohr für solche, die auch zu leben haben, die auch als Segen wandeln in diesem Erdenreich. Der Wille Gottes geschah im Himmel und auf Erden. Und der Gläubige betet: “Der Wille Gottes geschehe.” Warum bejaht man denn nicht den Willen Gottes? Warum geht man denn an solchen Menschen vorüber? Warum hat man nicht Verständnis für sie? Warum bringt man es nicht fertig, ihnen das Leben angenehmer zu gestalten, ihnen ein Heim zu bieten? Der Wille Gottes wäre es, wenn es geschähe. Ja, der Mensch entscheidet. Er entfaltet den Segen, oder er bindet ihn zurück.
So sollte man mehr über diese Worte nachdenken: “Der Wille Gottes geschehe im Himmel und auf Erden.” In den Himmeln geschieht er mit jeder Seele, die zurückkommt. Der Wille Gottes wird erfüllt an jeder Seele. Welches Leben auch immer auf einen wartet, ob angenehm oder unangenehm: Es ist durch den Willen Gottes, dass man es tragen muss. Das Angenehme nimmt man gerne entgegen, nicht aber das Unangenehme. Und wie schnell ist die Seele bereit, sich in ihre Unzufriedenheit hineinzusteigern, weil sie glaubt, dass ihr Unrecht angetan wird, dass sie dieses nicht verdient hätte – und doch betet sie: “Der Wille Gottes geschehe im Himmel und auf Erden.” Der Glaube ist nicht tief in den Seelen der Menschen und in jenen Jenseitigen, die nicht bereit sind, den Willen Gottes anzunehmen. Denn nichts geschieht auf dieser Erde, was ihm entgehen könnte, und keinem wird unrecht getan von Gottes Seite.
So könnte man meditieren über diese Worte “Der Wille Gottes geschehe”, und man müsste den Weg finden und erkennen: Durch seinen freien Willen verübelt der Mensch den Willen Gottes, er nimmt Gott seinen Willen übel – statt dass er Gott entgegengeht, geht er von ihm weg. So sollte man in der Zeit, die einem zur Verfügung steht, darüber meditieren: “Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden.”
Man bittet oder man sagt es mit Hingabe: “Dein Wille geschehe”, und zugleich kommt man mit der Bitte ums tägliche Brot. Wie wunderbar sind diese Worte von Christus gebetet und gelehrt worden: Gott soll dem Menschen das tägliche Brot geben. Er bringt euch nicht das fertig gebackene Brot auf euren Tisch. Unter dem Brote ist zu verstehen, was ihr zum Leben braucht: das Brot und alles, was dazu gehört für euer Leben. Und ihr möchtet es in Gottes Willen stellen: Sein Wille soll geschehen im Himmel und auf Erden.
Ihr möchtet Gott aber auch bitten, dass er eure Schuld vergebe. Christus wusste wohl am besten, welche Schuld auf den Schultern der Menschen und jener Wesen in der geistigen Welt lag. Er wusste auch, wie schwer die Schuld auch noch in tausend Jahren sein wird. Man bittet Gott um Vergebung. Ja, und ihr werdet belehrt darüber: Man vergibt euch die Schuld, doch ihr sollt nicht untätig sein; auch ihr sollt eurem Schuldner vergeben. So wie Gott euch vergibt, sollt auch ihr dem andern vergeben. Ihr sollt alles lösen, was ihr hier auf Erden zu euren Lasten habt. Ihr sollt euch schon auf dieser Erde befreien davon, damit es auch im Himmel gelöst ist. Ihr sollt vergeben. Und wird dies aus dem Innersten der Seele getan, ist auch der liebe Gott bereit, euch zu vergeben.
Christus wusste auch, wie schwer das Leben eines Menschen ist hier auf Erden. Niemand wusste dies besser als er, denn er kannte jene Widersacher, jene Störenfriede, die sich in das Leben des Menschen einnisten, ihm das Leben beschwerlich machen. Er kannte sie. Und darum sind in sein Gebet auch die Worte eingeflochten: “Führe uns in der Stunde der Versuchung – steht uns bei, ihr Geister Gottes, in der Zeit der Bedrängnis, führt uns aus dieser Bedrängnis heraus –, und befreie uns von diesen Übeln, von den vielen, vielen Übeln dieser Welt.”
Das ganze Gebet ist eine Hingabe an den Herrn, wenn es richtig gebetet wird. Es ist das wunderbarste Gebet. Und wenn wir die Menschen betrachten, wie sie oft beten ... Zum Glück hat unser Geistbruder Josef euch darüber aufgeklärt, wie man betet. Auch wir müssen sagen, wie Christus es dazumal sagte (Mat. 6, 7–8): Ach, erzählt dem lieben Gott keine Geschichten über das Elend der Welt, denn er kennt es viel besser als ihr. Das müsst ihr ihm nicht erzählen. Er weiss es nur zu gut. Erzählt ihm nichts solches, klagt ihm nicht solche Dinge – er weiss ja, was ihr braucht. Im Gebete soll vielmehr die Verehrung sein. Die Arbeit, die man leistet, kann ein Gebet sein. Zu Gottes Ehren kann man singen. Die Geisteswelt hat viel mehr Freude an einem Lobgesang für den Herrn, als wenn einer dem lieben Gott die ganzen Leidensgeschichten der Menschheit erzählt. Es gibt immer noch genug Menschen, die das tun und glauben, Gott hätte Gefallen daran. Nein, Gott hat kein Gefallen daran. Und auch ich muss sagen: Ein solches Gebet geht nicht einmal über die Decke des Raums hinaus, in dem man betet; denn es ist kraftlos. Das wahre Gebet ist Licht, ein Lichtstrahl und findet den Anschluss an das geistige Licht, das überall in der Atmosphäre liegt. Dieses geistige Licht will seine Entfaltung, dies ist im Gesetze; es kann sich entfalten. Je inniger ein Gebet des Menschen ist, desto herrlicher das Licht aus seiner Seele dringt. Denn wenn er in wirklicher Andacht betet, wenn er in die Einheit mit Gott gekommen ist, dann hat er sich ja selbst geöffnet – dann hat er ja entdeckt, dass das Reich Gottes, vom dem er wünscht, dass es niederkomme, in ihm selbst offenliegt, dass er mitten im Reiche Gottes steht und von aller Herrlichkeit umgeben ist, dass er selbst ein Stück Reich Gottes ist. So soll man beten.
Gestern Abend habe ich darüber gesprochen, dass man den Herrn aus ganzer Kraft lobpreisen soll. Lobpreiset ihn, seine ganze Schöpfung, seinen heiligen Willen. Lobpreiset den Herrn, und ruft ihm zu: “Heilig, heilig bist Du!” Dieses Gebet ist Licht, wenn es aus dem Innersten der Seele kommt. Und ein Mensch, der in dieser Weise betet, wird von einer Schar Geister Gottes beobachtet, und diese Geister brauchen nicht erst zu fragen: “Liebe Schwester, lieber Bruder, was hast du denn?” Nein, sie sehen die Kümmernisse, und sie helfen. Der betende Mensch steht da und sagt: “O Gott, Du siehst mich ja, Du siehst die Welt. Hilf ihr, bring ihr den Frieden. Bring auch mir Freiheit und den Frieden. Lass mich in Einheit mit Dir leben.” Und alle diese Geister, die es hören, wissen, um was es geht. Denn dein Lebensbuch ist offen, und man sieht dein Verlangen. Und noch etwas: Bist du geneigt im Leben, den Willen Gottes zu erfüllen, dann erfüllt der liebe Gott auch deinen Willen.
So findest du den Weg zu ihm im Gebet, in tiefer Ehrfurcht, voller Andacht. Sammle im Geiste deine schützenden Helfer, die Begleiter deines Lebens um dich. Rufe sie zu dir hin und bitte sie: “Nun seid mir Lichtträger, seid mir Stütze, und helft mir im Gebet.” Und sie sind bereit, sie werden dir die Freude tun. Sie werden dich beleuchten. Denn wenn es hohe Engel sind, ist ihr geistiges Licht wohl leuchtender als das deine, als das eure. Und dann schafft ihr Möglichkeiten, dass andere Geistwesen – denn es bewegen sich viele um euch – danach fragen: “Woher kommt dieses Licht?” Man sammelt sich – es sind irrende Geister, es sind suchende Geister, sie gehen dem Lichte nach. Hier ist es, das Licht. Hier wird gebetet, hier klammert man sich an den betenden Menschen. Hier gibt es Entfaltung, hier gibt es Hilfe. Denn der Segen des betenden Menschen kommt hernieder.
Das Gebet, in Innigkeit gesprochen, wird gehört und trägt seine Früchte – nach links und rechts, überallhin. Doch leider beten nicht alle Menschen, die sich als gläubig bezeichnen. Schade darum. Versuche, inniger zu beten. Innig sollst du beten diese Woche, und erflehe am morgigen Tag den Frieden der Welt herbei. Wandere neben Christus. Gehe im Geiste zum Vater des Himmels. Bete, flehe – flehe. Tu es immer wieder, und bitte im Namen des Erlösers. Und der Wille Gottes wird geschehen. So möge er sich zu eurem Heile, zum Heil der ganzen Menschheit erfüllen. Gott zum Gruss.
Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 18.9.1961 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner an der Meditationswoche in Wildhaus (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Fragen und Erläuterungen zum Vaterunser
Lene, 17. März 1971 (Ausschnitt)
Fragen und Erläuterungen zum Vaterunser
Im innigen Gebet schafft sich der Mensch die Verbindung zum Göttlichen. Sein eigenes Licht, das er vom Vater erhalten hat, möchte eins werden mit dem Lichte Gottes.
Lene: [...] Ich will nun auf das Hauptsächliche zurückkommen, auf das rechte Gebet, auf das Gebet, das den Menschen mit Gott verbindet, worin höheres Bewusstsein mit höherem Bewusstsein zusammenströmt. Wenn Menschen wollen, dass Gott und die heilige Geisterwelt an ihrem Gebet Gefallen finden, dann muss zuerst einmal der ganze Mensch in ein höheres Bewusstsein kommen. Es braucht dafür eigentlich eine geistig-seelische und körperliche Reinigung. Wenn man zum Tische des Herrn schreitet, dann wird erwartet, dass man inwendig, also in seiner Seele, in seinem Denken und Wollen, Ordnung schafft, dass man diesem und jenem vergibt. Also muss reinegemacht werden in der Seele. Wenn dieses Reinemachen stattgefunden hat, dann kann ein Gebet eines Menschen auch besseren Zugang finden zur höheren Welt.
Der Mensch als solcher strömt eine Kraft aus, der ganze Mensch. Aus seinem Inneren, aus seiner Seele heraus leuchtet der Gottesfunke. In seinem Inneren ist also ein Licht, in seinem geistigen Wesen strahlt, leuchtet dieses Licht. Dieses Licht ist wie ein Magnet zum Höheren, zum Göttlichen, zum Ursprung. Es verbindet sich damit, denn es gehört ja in ein Ganzes hinein; dieser Funke im Menschen ist ja ein Teil aus dem göttlichen Glanz, aus dem göttlichen Funken. Und dieses muss wie ein Strahl den Weg zusammenfinden, es muss ein Einfliessen ineinander geben: Das Licht des Menschen ist Licht von Gott, und es muss wieder eins werden mit ihm.
Ich muss versuchen, es nach eurem menschlichen Denken und euren Begriffen zu erläutern. Dieses Licht, das aus dem Menschen kommt, soll man sich nicht als einen ganzen Strang oder als eine grosse Menge von göttlichem Licht vorstellen. Das Geistige ist ja so zart, so fein. Auch dieses geistige Licht ist von einer Feinheit, für die ihr kein Verständnis und keine Begriffe habt. Es ist ein Strom – und auch dieses Wort ist nicht richtig, denn nach euren Begriffen stellt ihr euch darunter wieder etwas anderes vor. Es ist eine Verbindung, die sich zu einer Einheit zusammenfindet. Und erst wenn dieses stattfinden kann, ist einmal der Weg zueinander, zum Göttlichen geebnet. Im Weiteren ist der Weg geebnet zu den helfenden heiligen Geistern, zu den Höhen; denn dieses Licht wird aufgefangen von den geistigen Höhen, es durchdringt auch die geistigen Höhen. Es ist ja dasselbe Licht, nur ist dieses Licht umso gewaltiger, je höher die Stufen sind. Aber es genügt schon ein kleiner Schein, schon er dringt zu diesen Höhen hin.
Wenn nun diese Verbindung geschafft ist, dann besteht auch ein höheres, göttliches Bewusstsein; denn höheres Bewusstsein ist doch die Voraussetzung für diese Verbindung, sonst kommt sie ja gar nicht zustande. Höheres Denken muss sich zum höheren Denken finden, und dann gibt es ein Strömen von oben, ein Zufliessen, ein Kräftigen, ein Mehren an göttlichem Lichte. Und dann, wenn der Mensch solches erleben kann, gibt es für ihn ein Wonnegefühl. Er fühlt sich getragen, gehoben, er fühlt sich frei und glücklich, ja er glaubt sagen zu können: “Es ist, als existiere nichts mehr um mich” – er lebt sozusagen in den geistigen Höhen, er ist so gehoben. Also das, was ich jetzt sage, ist die Bedingung, die es braucht, um dem Gebet – wie wir es uns vorstellen – diese Heiligkeit, diese Würde zu geben; denn so verbindet sich Ehrfurcht zu Ehrfurcht, es kommt zu einer Einheit im Göttlichen.
Ja, liebe Freunde, um dieses zustande zu bringen, braucht es höheres Bewusstsein; man muss sich dieses höhere Bewusstsein aneignen, man muss es pflegen. Es braucht also diesen gehobenen Menschen, um gleich diese Verbindung zum Göttlichen zu bekommen. Ihr werdet sagen: “Ja wo gibt es denn diese Menschen, die eine solche Verbindung zum Göttlichen haben? Denn wir Menschen leben auf dieser Erde, wo Versuchungen auf uns zukommen, und wir straucheln.” Oh ja, das wissen wir wohl. Und trotzdem ist es möglich, ein gewisses göttliches Bewusstsein zu pflegen – ich sage ausdrücklich: zu pflegen. Denn für ein göttliches Bewusstsein muss man eben niederes Denken überwinden. Man muss Egoismus überwinden, man muss Herrschsucht überwinden, man muss Streitsucht überwinden; man muss eben alle diese Untugenden überwinden können. Das muss man versuchen und sie nicht noch pflegen. Denn das ist es ja, an dem hängt es. Menschen leben so oft in ihren Untugenden und pflegen sie noch. Sie pflegen ihren Egoismus, sie pflegen ihre Herrschsucht, sie pflegen ihre Habgier, sie bekommen ja nie genug. Ich will gar nicht alles aufzählen, ihr wisst es viel besser als ich. Das ist es, und das sollte eben nicht sein.
Wie betet man denn? Selbstverständlich soll man Gott danken für die Wohltaten des Lebens. Und das schönste Gebet, das es überhaupt gibt, ist doch das Gebet, das Christus den Seinen gegeben hat – das Vaterunser. Man ehrt in diesem Gebet den Schöpfer, den Vater im Himmel. Man heiligt ihn, man heiligt seinen Namen. Und man bittet ihn um Vergebung der Sünden. Man bittet ihn um Kraft, man bittet ja um das tägliche Brot. Es ist alles in diesem Gebet enthalten, was Gott gefällig ist. Es ist das Gebet, das Christus als Sohn Gottes den Seinen gab. Und dieses Gebet ist heute noch in der Geisteswelt das schönste Gebet. Man kann ihm ein, zwei Sätze zufügen, aber erzählt dem lieben Gott nicht die Weltgeschichte – er kennt sie längst.
“Vergib uns unsere Schulden” betet ihr, und ihr bittet: “Gib uns das tägliche Brot.” Man soll nicht so egoistisch sein und glauben, man bitte nur für sich persönlich und für den Nächsten nicht. Es ist doch die ganze Menschheit damit gemeint. Man kann auch darum bitten, es mögen die Geister des Himmels versuchen, für den Frieden der Welt zu wirken. Auch da kann man dem lieben Gott keine Bedingungen stellen. Man kann nicht sagen, er müsse diesen oder jenen Staatsmann inspirieren, dass er nun Frieden schliesse. Ach, liebe Geschwister, lassen sich denn die Staatsmänner dazu inspirieren, Frieden zu schliessen, wenn sie nicht erreichen, was sie wollen? Ihr könnt ja sehen, wie vieles man falsch macht und dabei meint, es wäre richtig. Schade um diese Worte, schade um die Kraft, die man für eine solche Bitte braucht. Man kann anders beten. Man soll Gott loben und preisen. Man soll sich mit seinem geistig gehobenen Bewusstsein, das man glaubt zu haben, in das göttliche hineinbegeben. Gott ist doch der Vater der wahren Liebe. Also wird von einem Menschen auch diese wahre Liebe verlangt.
Es gibt Menschen, die glauben, man könnte Gott beleidigen mit Worten, die der Mensch spricht. Nein, man kann Gott nicht beleidigen. Stellt euch vor! Da müsste der liebe Gott ja immer nur beleidigt sein. Es gäbe für ihn ja nichts anderes angesichts all dessen, was die ganze Menschheit tut, wie da gemordet und Unrecht getan wird. Er könnte auch darüber beleidigt sein, wie man über ihn spottet. Er müsste ja immer nur beleidigt sein. Nein, Gott kann man nicht beleidigen, denn er ist erhaben über alles.
Nun möchte ich etwas zur Liebe sagen. In der Familie werden die Eltern, werden Vater und Mutter dazu verpflichtet, für die heranwachsenden Kinder zu sorgen. Der Vater erwirbt das Brot, er arbeitet für den Unterhalt der Familie. Die Eltern müssen ihre Kinder ernähren und ihnen Kleider und alles Weitere geben, was sie zum Leben brauchen. Für ganz besondere Dinge, die sie den Kindern persönlich geben, wird vom Kind ein Dank verlangt. Aber wie viele Dinge sind es doch, die Vater oder Mutter für die Kinder tun, für die sie aber keinen Dank erhalten. Die Kinder danken ihnen nicht dafür, dass sie nun in dieser Familie leben dürfen oder genau in diesem Hause wohnen können, dass der Vater arbeiten geht und ihnen dieses und noch vieles mehr ermöglicht. Es ist des Vaters Pflicht und Schuldigkeit, dass er seinen Kindern das gibt, was sie zu ihrem Leben, für ihre Entwicklung und ihre Zukunft brauchen. Von ihren Kindern – ich spreche jetzt von den kleinsten Kindern – verlangen die Eltern doch gar nichts anderes als eine Zuneigung, eine Zuneigung zum Vater, zur Mutter, eine gewisse Dankbarkeit, die sich nicht durch Worte ausdrücken lässt. Aber diese Zuneigung, diese Zugehörigkeit, das alles ist der Dank, den die Eltern entgegennehmen; er braucht nicht in Worten ausgesprochen zu werden – es ist die Zuneigung.
Der himmlische Vater hält es mit seinen Geschöpfen genauso. Er gibt ihnen das, was sie zum Leben brauchen, ohne zu erwarten, dass sie für diese, wie Menschen glauben, selbstverständlichen Dinge besonders danken. Der himmlische Vater gibt seinen Geschöpfen ständig, damit sie – ich meine jetzt in erster Linie die Menschen auf dieser Erde – leben können, damit sie ihre geistigen Aufgaben erfüllen, geistig wachsen und gedeihen können. Er muss doch das Seinige dazu tun. Und er verlangt nicht, dass nun in allen einzelnen Dingen dafür gedankt wird. Aber er verlangt die Zuneigung zu ihm. Und er verlangt, dass der Mensch versucht, in dasselbe Denken zu kommen, wie er es hat, dass man sich nach seinem Willen ausrichtet. So wie ein irdischer Vater vom Kinde Gehorsam verlangt, so ist es beim himmlischen Vater: Er verlangt vom Menschen, dass er sich in seinem Geistesleben bemüht, den Willen Gottes zu erfüllen.
Dem Menschen ist die Forderung gestellt, Barmherzigkeit, Hilfsbereitschaft zu üben, wenn es die Not erfordert. Denn das gibt ja auch der himmlische Vater, er schenkt fortwährend Gnade und Barmherzigkeit. Also verlangt er es auch von seinen Geschöpfen. Auch sie sollen einen Teil davon geben; sie sollen sich bemühen, das zu tun. So ist es in den göttlichen Gesetzen. Es muss einfach alles überwunden werden, was den Menschen hindert, zu diesen geistigen Höhen zu gelangen. Er muss also versuchen, so zu leben, wie es Gottes Wille ist. Er muss in dieser Liebe sein, wie Gott sie seinen Geschöpfen gibt: wie Gott bereit ist zu helfen, wie Gott bereit ist, die Seinen aufzunehmen, wie er ihnen den Weg zeigt, den sie gehen müssen, um die Höhen zu erreichen, um den richtigen Weg zu finden. Dafür sendet er die Heiligen des Himmels aus. Sie sollen die Menschen auf diesen Weg führen, damit sie dem Vater entgegengehen.
Darum habe ich am Anfang gesagt: Wenn man einen Gewinn haben will von einer Meditation – sei es hier oder sei es zu Hause, wenn man dort Zeit dafür findet –, so soll man vor dem Beginn der Meditation zuerst einmal versuchen, sich im Denken frei zu machen oder eben in einem wirklichen, andächtigen Gebet Anschluss an das Göttliche zu suchen, indem man Gott lobt und preist in seiner Herrlichkeit: “Du allmächtiger, Du gütiger, Du herrlicher Gott.” Man preist seine Herrlichkeit in alle Ewigkeit, und man betet das Vaterunser. Man kann auch bitten: “Verlass mich nicht”, wenn man persönlich beten will, oder man kann bitten: “Verlass uns nicht. Wende Dich nicht ab von uns. Halte Dein Auge über uns. Segne uns. Wir sind doch Dein, und ohne Deine Hilfe sind wir nicht.” So sollte man beten. Das sind Gebete, die zum Himmel gehen.
Man kann selbstverständlich auch für einen kranken Menschen beten. Man kann für Menschen beten, die in Not sind. Aber wenn man richtig beten will, dann muss der Betende zuerst einmal in sich reinemachen, um den Weg zu diesen Höhen zu ebnen. Man muss Gott loben und preisen und ihm danken für die Wohltaten. Und dann soll man ihn bitten: “Richte Dein Auge auf die Notleidenden. Sende zu ihnen Deine heilige Geisterwelt. Lass Gnade walten, Du herrlicher, Du allmächtiger, Du gütiger, Du barmherziger Gott. Verlass uns nicht.”
Ja, man kann andächtig beten, und wir haben auch unsere Freude an Menschen, die in tiefer Andacht sind. Also das muss ich auch sagen, wir haben solche Menschen.
Dann will ich nicht unterlassen zu sagen: Wer mit uns verbunden ist, wer in diesem göttlichen Bewusstsein lebt und es nicht verletzt, wer Gott gefällig ist, der hat auch einen Schutzgeist aus diesen Höhen, der neben seinem üblichen Schutzgeist steht, der sozusagen als Gast dann und wann bei ihm einkehrt und sich mit ihm freut. Denn dieser höhere Geist ist ja aufmerksam gemacht worden auf das Licht des Menschen, das dieser durch sein göttliches Bewusstsein, durch sein höheres Leben ausstrahlt. Er fühlt sich von diesem Licht angezogen, und er will auch seinerseits sich diesem Menschen dankbar erweisen. Er will ihn stützen, und er will ihm auch dann und wann eine Freude machen. Ihr sollt nicht glauben, dass wir so ganz ohne Interesse an eurem irdischen Leben wären, dass wir euch nichts gönnen möchten. Nein, wir sind sogar dafür besorgt, dass dem einen oder andern einmal da und dort ein irdischer Wunsch in Erfüllung geht. Sogar das können wir. Wir möchten auf diese Weise den Menschen darauf aufmerksam machen, dass auch wir da und dort die Hände im Spiel haben.
Aber es kann auch anders sein. Ich spreche jeweils davon, dass sich die Geister aus der hohen, göttlichen Welt um die Menschen kümmern. Es kann aber auch anders sein; es kann sein, dass Menschen mit niederen Geistern Freundschaft haben und dass es manchmal zu einem Kampf kommt zwischen uns und diesen niederen Geistern. Manchmal sind wir die Sieger, und manchmal werden wir besiegt. Wir werden besiegt durch den Eigensinn der Menschen und weil diese oder jene Menschen durch ihre Hartnäckigkeit und die Pflege ihrer Untugenden eben zu keinem göttlichen Bewusstsein kommen können. Ja, so ist es, liebe Geschwister.
Wir wollen uns aber freuen, dass es möglich ist, ein Türlein der himmlischen Welt zu öffnen, sodass wir aus diesen Höhen herauskommen, in eure Nähe gelangen und hier zu Wort kommen können. Das ist doch wohl etwas Schönes für uns und für euch. Wir erbauen und beglücken eure Seele. Eure Erkenntnisse werden erweitert, Lebensfreude steigt in euch hoch, und Probleme werden besser gelöst; das Leben wird lebenswerter, das Leben erhält einen Sinn – und so soll es sein. Wir stehen euch gerne zur Seite. Aber lasst euch von uns als gute Freunde ansprechen. [...]
Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 17.3.1971 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Lieber Josef, ein Freund hier macht darauf aufmerksam, dass im griechischen Text des Vaterunsers nicht stehe: “Das tägliche Brot gib uns heute”, sondern: “Das geistige Brot gib uns heute.” Er wünscht, dass du dich dazu äusserst, ob man nicht besser beten würde: “Unser geistiges Brot gib uns heute.”
Josef: Meine lieben Freunde, dieses Gebet ist in so viele, viele Sprachen übersetzt worden. Ich möchte den Sinn dieses Gebetes oder dieser Worte erklären. Der Mensch, der im Erdenreiche lebt, muss um sein Brot beten, damit er zu essen hat. Wenn es heisst: “Wir bitten um das tägliche Brot, das tägliche Brot gib uns heute”, so ist damit gemeint: “Lieber Gott, lass Gedeihen kommen in der Natur, dass wir unser Brot haben. Lieber Gott, behüte und beschütze uns vor Unglück, dass wir unser Haus haben.” Das ist auch gemeint mit Brot, das gehört auch dazu. Es ist also nicht nur das Brot als Nahrung gemeint, sondern all das, was notwendig ist, damit es wächst und der Mensch leben kann. Alles ist eingeschlossen: das Brot, das Haus, die Gesundheit. Wenn ihr es so betrachtet und ihr darum bittet, dann wird auch das geistige Brot gegeben. Denn hier muss ich die Erklärung geben, dass das irdische Brot, das der Mensch zu seinem Leben braucht, eben nicht dasselbe ist wie das geistige Brot. Nun zur Frage, ob es wohl nicht besser wäre. Nein, in diesem Gebet sollt ihr um das tägliche Brot bitten, weil vieles damit eingeschlossen ist. Dieses Gebet ist so wunderbar zusammengezogen und erfasst alles, was der Mensch Gott zu sagen hat oder um was er zu bitten hat.
Im Vaterunser bittet man um Vergebung der Sünden – und man verspricht, auch zu vergeben. Damit ist diesbezüglich die Antwort gegeben: Wenn einer dem andern seine Schuld vergibt, ist auch Gott bereit, ihm seine Schulden zu vergeben. Wenn aber einer im Hasse lebt gegen einen andern, kann er von Gott nicht erwarten, dass er ihm vergibt. So war es auch in der Zeit des Tempels in Jerusalem: Bevor man zum Tempel ging und ein Opfer brachte, musste man zuerst zu jenen hingehen, denen man unrecht getan hatte, und sie bitten, sie mögen einem vergeben. Erst dann, wenn man Ordnung geschaffen hatte, nahm Gott das Opfer an. So ist es mit dem Vaterunser: Wenn ihr darum bittet, man möge euch vergeben, dann müsst auch ihr vergeben.
Wir Geister Gottes haben grosse Freude, mit unseren Freunden von Zeit zu Zeit ein Abendmahl durchzuführen. Wir tun es in der Weise: Wir erklären dem Menschen den Sinn des geistigen Brotes, des irdischen Brotes. Bevor er aber dieses Brot nehmen darf, das ausgeteilt wird, muss er zuerst Ordnung machen. Wir geben ihm Gelegenheit, zu verzeihen, in seiner Seele zu ordnen. Es ist ihm überlassen, ob er fähig ist, es zu tun. Kann er vergeben, hat auch Gott ihm vergeben. Ist er aber so egoistisch eingestellt, dass er nur Gott um Vergebung bittet und glaubt, er hätte nichts zu erledigen, hat er in einer solchen Stunde keinen Gewinn vom Anteil dieses gewaltigen Segens.
Es ist so: Wenn Menschen ganz getreu auf die Geisterwelt Gottes ausgerichtet sind, werden ihnen heilende Engel beistehen. Es gibt Missionsengel, die zu den Menschen ausgehen und versuchen, betrübte Menschen zu trösten, und jenen Menschen, die in ihrer grossen Arbeit sind, führen sie Kraft zu. Vom geistigen Standpunkt aus gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Menschen Kraft zuzuführen.
Wenn gute Geister in die Nähe von Menschen kommen, überlassen sie ihnen eine heilende, segnende Kraft, die sie auffrischt und erfreut. Es besteht die Möglichkeit, dass diese Geister des Himmels ihre geistigen Speisen mitbringen. Sie bieten sie dem Menschen dar, während er arbeitet. Sein Geist sieht es ja, und er nimmt von diesen Speisen. Es können geistige Früchte sein, es kann Brot, es kann Wein sein. Sie stärken den Menschen, damit er seine Aufgabe erfüllen kann.
Diese guten Geister kommen aber auch mit heilsamen Ölen und treten hin zu den Schwerkranken. Sie salben ihr Haupt, ihre Hände, ihre Füsse. So taten es doch schon diese Menschen in der Zeit der ersten Christen. War einer so schwer krank, nahmen sie ein Gefäss und füllten es mit Öl. Und der betreffende mediale Mensch, der da war, durch den es möglich war, einen Geist sprechen zu lassen, er versuchte, dieses Öl in der Weise so segensreich zu entfalten, ihm diese geistige, odische Kraft einströmen zu lassen. Er übergab es dann den Menschen und erklärte ihnen: “Nehmt von diesem Öl, und salbt die Hände, die Füsse oder das Haupt, und bittet Gott um Genesung.” Dies ist in der Menschheit sozusagen ganz in Vergessenheit geraten. In ähnlicher Weise wird es von einer bestimmten Religion noch getan, wenn ein Mensch in den letzten Zügen liegt. Man kommt auch mit Öl. Aber ich habe erklärt, auf welche Weise es geschehen sollte.
Ja, meine lieben Freunde, das ist die Antwort. Wenn ihr die geistige Speise erbittet, dann denkt daran, dass die Engel Gottes sie euch überreichen können und sie euch geben, wenn sie finden, dass ihr es wert seid, dass man sie euch überreicht. Denn nicht jeden Menschen lässt man gesunden. Es kann für den einen oder andern Zeit sein, weil für ihn im geistigen Reiche grössere Möglichkeiten liegen, schneller aufwärtszukommen. Dies ist vom einen zum andern so verschieden.
Wenn ihr im Vaterunser um das tägliche Brot betet, wisst ihr nun, was alles damit eingeschlossen ist: dass Gott eure Felder segnen möge, dass die Erträgnisse nicht durch Sturm und Gewitter vernichtet werden – dass euch das tägliche Brot gegeben wird. Denn ich weiss wohl, dass es Menschen gibt, die der Auffassung sind: “Man könnte gewiss auch mit viel weniger Nahrung leben.” Das sind Auffassungen, und ich könnte darüber viel, viel sprechen. Es ist doch so: Der eine braucht viel, der andere kommt mit weniger aus. Das kommt ganz auf seine körperliche Beschaffenheit an und hat wohl wenig zu tun mit seinem geistigen Aufstieg. Menschen nehmen Dinge für wichtig, die für uns ganz nebensächlich sind. Ich möchte nur kurz den Hinweis geben: Es gibt fanatisch eingestellte Menschen, die unbedingt nur diese und jene Speisen zu sich nehmen wollen. Wenn sie glauben, dass es für ihren Körper heilsam und das Beste ist, dann sollen sie es tun. Aber sie sollen nicht erwarten, dass die ganze Welt ihre Anschauung vertreten muss. Jeder soll das zu sich nehmen, was er für gut befindet. Denn Gott hat in dieser Welt so viele Dinge wachsen lassen, die zum Heile des Menschen sind. All diese Dinge sind für die Menschen da, das eine wie das andere – und es kommt so zu dieser geistigen Weiterentwicklung, zu diesem Aufstieg.
Ich möchte euch klarlegen: Gott, nach dessen Vollkommenheit man trachtet, ist nicht fanatisch. Er ist nicht einseitig eingestellt. Er sagt nicht: “Nur das darf man tun.” In Gottes Herrlichkeit ist eine solche Fülle, eine solch gewaltige Menge in allen Dingen immer wieder zu erleben und zu finden. Gott ist nicht einseitig, Gott ist vielseitig. Er hat viele Gelegenheiten geschaffen, die dem Menschen dienlich sind in seinem Aufstieg. Das sei nebenbei gesagt auch eine Antwort. (9.6.1958)
Lieber Josef, du hast immer wieder darauf hingewiesen, dass wir uns beim Gebet auf den Inhalt konzentrieren sollen. Kannst du uns Näheres darüber erklären? Wenn wir uns Wort für Wort jede Bitte des Vaterunsers vorstellen, wo es beispielsweise heisst: “Wie auch wir vergeben unsern Schuldnern”, kommen wir in die Versuchung, über unsere Schuldner nachzudenken, und das ist doch wohl ein Fehler.
Josef: Wer andächtig betet, kann dadurch dem göttlichen Strome, Gott näherkommen. Er zieht die heilenden Kräfte dieses Stromes zu sich. Doch das geschieht nur dann, wenn er selbst das göttliche Leben vor Augen hat, wenn er seinen Gebeten entsprechend auch Taten vollbringt. Er muss aus dem Gebet täglich so viel Kraft schöpfen, um göttlich leben zu können. Er muss durch das Gebet befähigt werden, Unrechtes zu unterlassen; er muss also, wenn er in Versuchung kommt, sich darauf besinnen können, dass ihm dies nicht erlaubt ist. Das Gebet muss lebendig in ihm werden, damit ihn diese lebendige Kraft tagsüber zum Guten ermahnt. Er muss die Nähe Gottes fühlen, in die er durch das Gebet gelangt ist. Das ist das Wichtige. Nur schnell abends und morgens ein Gebet verrichten, nur dass gebetet worden ist, ohne dabei etwas zu denken, ist nicht von Erfolg gekrönt.
Freilich ermahnen wir die Menschen immer wieder zum Gebet; sie sollen darin nicht nachlassen. Der Mensch muss so weit kommen, dass er ohne dieses Gebet gar nicht mehr leben kann. Er muss die Kraft des Gebets spüren. Dadurch, dass er oft betet, muss er befähigt werden, das Unrecht zu lassen. Er muss die Kraft bekommen, erkennen zu können, was er nicht tun darf. Diese Kraft wird ihm auch übermittelt, indem er eben das Gute tut, die Werke tut. Beten allein nützt nichts. Wenn göttliche Werke getan werden, dann ist das Gebet wirkungsvoll.
Es kommt nicht so sehr darauf an, dass man lange an diese Dinge zu denken braucht [die Gegenstand des Gebetes sind]. Solches eignet sich in wunderbarer Weise zur Meditation, um sich zu stärken. Wer einmal einen gewissen Punkt des geistigen Aufstieges erreicht hat, weiss, was er mit einem Gebet gewinnt. Deshalb wird er dies immer mehr pflegen, denn durch die Kraft, die so aus dem Gebete gewonnen wird, kann viel Unreines im Menschen vernichtet werden. Er wird gesünder an Leib und Seele. Denn die Feinheit, die er zu sich führt, hat die Kraft, das Unreine des Körpers aufzulösen.
Der Mensch kann um sich ein wunderbares, herrliches Paradies erschaffen. Er zieht all diese herrlichen Fäden und all diese heilenden Kräfte in seine Nähe durch sein edles, göttliches Leben. (6.7.1955)
Lieber Bruder Josef, du hast gesagt, Gott führe die Menschen nicht in Versuchung. Aber im Vaterunser steht: “Und führe uns nicht in Versuchung.”
Josef: Das ist nur ein Fehler, der durch die Übersetzungen entstanden ist. Gott führt die Menschen nicht in Versuchung, sondern es sind diese tiefen Mächte, die immer bereit sind, an den Menschen heranzudringen, um ihn in Versuchung zu führen.
Wenn der Mensch bittet: “Führe uns nicht in Versuchung”, so könnte er ebenso gut beten: “Führe uns in der Versuchung.” Denn diese Versuchungen sind Prüfungen, die Gott zulässt. Sie kommen zu den Menschen, und der Mensch muss beweisen, dass er stark und fähig ist, eine höhere Aufgabe zu lösen. Wenn der Mensch bittet: “Führe uns nicht in Versuchung”, so will er damit bitten: “Lasse diese Prüfung von uns.” Christus hat mit diesen Worten gemeint, dass Gott nicht solch grosse Prüfungen senden möge, dass er den Menschen Stärke senden und sie in den schweren Stunden der Prüfungen führen möge. Christus meinte mit diesen Worten weiter, dass Gott die Engel zu den Menschen sende, um ihnen alle Kraft zu geben, auf dass die Engel Gottes Sieger bleiben und nicht diese düsteren Wesen aus der Tiefe. Ihr sollt wissen, dass diese düsteren Mächte immer bereit sind, zu jedem Menschen zu gehen. Wenn aber der Mensch darum bittet, wird er eben gestärkt mit der Gotteskraft. Engel Gottes werden bei ihm wohnen, und so wird die Versuchung an ihm vorübergehen können. Denn wenn so viele Engel Gottes einen Menschen beschützen, getraut sich ein solch düsteres Wesen nicht oder viel weniger an diesen Menschen heran. Es wird es schon probieren, doch es wird immer wieder zurückweichen müssen. Denn die Engel Gottes können einem Menschen Schutz geben und eine grosse Macht ausüben. Sie werden um ihn eine Mauer bilden und sie so feurig machen, dass diese düsteren Wesen mit ihrer Versuchung nicht an einen solchen Menschen herankommen können. (1950)
Das Vaterunser ist das schönste Gebet der Christenheit. Überall kann man es im Stillen verrichten und innerlich mit dem Göttlichen verbunden sein. Im Vortrag vom 16. September 1978 erklärte Geistlehrer Josef:
Christus sagte: “Wenn ihr betet, tut es nicht wie die Heiden” (Mat. 6, 7). Ihr braucht Gott oder Christus nicht zu erzählen, welche Not auf der Welt ist und was ihr haben müsst, denn das wissen sie längst. Bittet um das tägliche Brot, betet das Gebet, das Christus gegeben hat, das alles enthält, was man Gott zu sagen hat – es ist das wunderbarste und schönste Gebet (Mat. 6, 9–13). Man bittet um das tägliche Brot, dass einem diese Leihgabe erhalten bleibt. Man bittet Gott um Vergebung und verspricht, dem andern auch zu vergeben. Darüber sollte man sich im Klaren sein, wenn man Gott bittet, er möge einem die Schulden vergeben, so wie man selbst auch bereit ist, dem andern zu vergeben. Denn wie mancher betet: “Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern”, aber selbst vergibt er seinem Schuldner nicht.
Dieses Gebet kann man in der Stille überall verrichten. Man kann es an seinem Arbeitsplatz tun, wenn es eine geeignete Zeit dafür gibt; aber man soll es nicht so tun, dass es die andern sehen und merken. Man soll innerlich mit dem Göttlichen verbunden sein. Das Inwendige soll aussehen wie ein Tempel Gottes; das Inwendige soll stets geschmückt und gereinigt sein, damit man bei euch Wohnung nehmen kann, wie Christus es sagte, dass er mit seinem Vater bei euch Wohnung nehmen möchte (Joh. 14, 23). Dieses ist bildlich gesprochen und heisst nichts anderes: Wenn ihr in der Wahrheit lebt und mit uns verbunden seid, so wacht über euch der Segen. Es sind die Engel Gottes, die den Menschen umgeben, denn sie führen aus, was ihnen gesagt wird, was als Befehl von Gott oder Christus ausgeht. So tragen die Engel das Göttliche in das Inwendige des Menschen: Kraft, Mut und Zuversicht und – was wohl sehr bedeutungsvoll ist – die höheren geistigen Erkenntnisse. Dies alles soll in das Inwendige hineingetragen werden. So findet man den Weg – den Weg zum Vollkommenen. Auch das wollte Christus; er wollte doch, dass die Menschen den Weg zur Vollkommenheit finden, das heisst nichts anderes, als immer wieder zu verbessern, um näher zu Gott zu kommen.
Fragen und Erläuterungen zum Vaterunser
Lene, 17. März 1971 (Ausschnitt)
Fragen und Erläuterungen zum Vaterunser
Lieber Josef, ein Freund hier macht darauf aufmerksam, dass im griechischen Text des Vaterunsers nicht stehe: “Das tägliche Brot gib uns heute”, sondern: “Das geistige Brot gib uns heute.” Er wünscht, dass du dich dazu äusserst, ob man nicht besser beten würde: “Unser geistiges Brot gib uns heute.”
Josef: Meine lieben Freunde, dieses Gebet ist in so viele, viele Sprachen übersetzt worden. Ich möchte den Sinn dieses Gebetes oder dieser Worte erklären. Der Mensch, der im Erdenreiche lebt, muss um sein Brot beten, damit er zu essen hat. Wenn es heisst: “Wir bitten um das tägliche Brot, das tägliche Brot gib uns heute”, so ist damit gemeint: “Lieber Gott, lass Gedeihen kommen in der Natur, dass wir unser Brot haben. Lieber Gott, behüte und beschütze uns vor Unglück, dass wir unser Haus haben.” Das ist auch gemeint mit Brot, das gehört auch dazu. Es ist also nicht nur das Brot als Nahrung gemeint, sondern all das, was notwendig ist, damit es wächst und der Mensch leben kann. Alles ist eingeschlossen: das Brot, das Haus, die Gesundheit. Wenn ihr es so betrachtet und ihr darum bittet, dann wird auch das geistige Brot gegeben. Denn hier muss ich die Erklärung geben, dass das irdische Brot, das der Mensch zu seinem Leben braucht, eben nicht dasselbe ist wie das geistige Brot. Nun zur Frage, ob es wohl nicht besser wäre. Nein, in diesem Gebet sollt ihr um das tägliche Brot bitten, weil vieles damit eingeschlossen ist. Dieses Gebet ist so wunderbar zusammengezogen und erfasst alles, was der Mensch Gott zu sagen hat oder um was er zu bitten hat.
Im Vaterunser bittet man um Vergebung der Sünden – und man verspricht, auch zu vergeben. Damit ist diesbezüglich die Antwort gegeben: Wenn einer dem andern seine Schuld vergibt, ist auch Gott bereit, ihm seine Schulden zu vergeben. Wenn aber einer im Hasse lebt gegen einen andern, kann er von Gott nicht erwarten, dass er ihm vergibt. So war es auch in der Zeit des Tempels in Jerusalem: Bevor man zum Tempel ging und ein Opfer brachte, musste man zuerst zu jenen hingehen, denen man unrecht getan hatte, und sie bitten, sie mögen einem vergeben. Erst dann, wenn man Ordnung geschaffen hatte, nahm Gott das Opfer an. So ist es mit dem Vaterunser: Wenn ihr darum bittet, man möge euch vergeben, dann müsst auch ihr vergeben.
Wir Geister Gottes haben grosse Freude, mit unseren Freunden von Zeit zu Zeit ein Abendmahl durchzuführen. Wir tun es in der Weise: Wir erklären dem Menschen den Sinn des geistigen Brotes, des irdischen Brotes. Bevor er aber dieses Brot nehmen darf, das ausgeteilt wird, muss er zuerst Ordnung machen. Wir geben ihm Gelegenheit, zu verzeihen, in seiner Seele zu ordnen. Es ist ihm überlassen, ob er fähig ist, es zu tun. Kann er vergeben, hat auch Gott ihm vergeben. Ist er aber so egoistisch eingestellt, dass er nur Gott um Vergebung bittet und glaubt, er hätte nichts zu erledigen, hat er in einer solchen Stunde keinen Gewinn vom Anteil dieses gewaltigen Segens.
Es ist so: Wenn Menschen ganz getreu auf die Geisterwelt Gottes ausgerichtet sind, werden ihnen heilende Engel beistehen. Es gibt Missionsengel, die zu den Menschen ausgehen und versuchen, betrübte Menschen zu trösten, und jenen Menschen, die in ihrer grossen Arbeit sind, führen sie Kraft zu. Vom geistigen Standpunkt aus gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Menschen Kraft zuzuführen.
Wenn gute Geister in die Nähe von Menschen kommen, überlassen sie ihnen eine heilende, segnende Kraft, die sie auffrischt und erfreut. Es besteht die Möglichkeit, dass diese Geister des Himmels ihre geistigen Speisen mitbringen. Sie bieten sie dem Menschen dar, während er arbeitet. Sein Geist sieht es ja, und er nimmt von diesen Speisen. Es können geistige Früchte sein, es kann Brot, es kann Wein sein. Sie stärken den Menschen, damit er seine Aufgabe erfüllen kann.
Diese guten Geister kommen aber auch mit heilsamen Ölen und treten hin zu den Schwerkranken. Sie salben ihr Haupt, ihre Hände, ihre Füsse. So taten es doch schon diese Menschen in der Zeit der ersten Christen. War einer so schwer krank, nahmen sie ein Gefäss und füllten es mit Öl. Und der betreffende mediale Mensch, der da war, durch den es möglich war, einen Geist sprechen zu lassen, er versuchte, dieses Öl in der Weise so segensreich zu entfalten, ihm diese geistige, odische Kraft einströmen zu lassen. Er übergab es dann den Menschen und erklärte ihnen: “Nehmt von diesem Öl, und salbt die Hände, die Füsse oder das Haupt, und bittet Gott um Genesung.” Dies ist in der Menschheit sozusagen ganz in Vergessenheit geraten. In ähnlicher Weise wird es von einer bestimmten Religion noch getan, wenn ein Mensch in den letzten Zügen liegt. Man kommt auch mit Öl. Aber ich habe erklärt, auf welche Weise es geschehen sollte.
Ja, meine lieben Freunde, das ist die Antwort. Wenn ihr die geistige Speise erbittet, dann denkt daran, dass die Engel Gottes sie euch überreichen können und sie euch geben, wenn sie finden, dass ihr es wert seid, dass man sie euch überreicht. Denn nicht jeden Menschen lässt man gesunden. Es kann für den einen oder andern Zeit sein, weil für ihn im geistigen Reiche grössere Möglichkeiten liegen, schneller aufwärtszukommen. Dies ist vom einen zum andern so verschieden.
Wenn ihr im Vaterunser um das tägliche Brot betet, wisst ihr nun, was alles damit eingeschlossen ist: dass Gott eure Felder segnen möge, dass die Erträgnisse nicht durch Sturm und Gewitter vernichtet werden – dass euch das tägliche Brot gegeben wird. Denn ich weiss wohl, dass es Menschen gibt, die der Auffassung sind: “Man könnte gewiss auch mit viel weniger Nahrung leben.” Das sind Auffassungen, und ich könnte darüber viel, viel sprechen. Es ist doch so: Der eine braucht viel, der andere kommt mit weniger aus. Das kommt ganz auf seine körperliche Beschaffenheit an und hat wohl wenig zu tun mit seinem geistigen Aufstieg. Menschen nehmen Dinge für wichtig, die für uns ganz nebensächlich sind. Ich möchte nur kurz den Hinweis geben: Es gibt fanatisch eingestellte Menschen, die unbedingt nur diese und jene Speisen zu sich nehmen wollen. Wenn sie glauben, dass es für ihren Körper heilsam und das Beste ist, dann sollen sie es tun. Aber sie sollen nicht erwarten, dass die ganze Welt ihre Anschauung vertreten muss. Jeder soll das zu sich nehmen, was er für gut befindet. Denn Gott hat in dieser Welt so viele Dinge wachsen lassen, die zum Heile des Menschen sind. All diese Dinge sind für die Menschen da, das eine wie das andere – und es kommt so zu dieser geistigen Weiterentwicklung, zu diesem Aufstieg.
Ich möchte euch klarlegen: Gott, nach dessen Vollkommenheit man trachtet, ist nicht fanatisch. Er ist nicht einseitig eingestellt. Er sagt nicht: “Nur das darf man tun.” In Gottes Herrlichkeit ist eine solche Fülle, eine solch gewaltige Menge in allen Dingen immer wieder zu erleben und zu finden. Gott ist nicht einseitig, Gott ist vielseitig. Er hat viele Gelegenheiten geschaffen, die dem Menschen dienlich sind in seinem Aufstieg. Das sei nebenbei gesagt auch eine Antwort. (9.6.1958)
Lieber Josef, du hast immer wieder darauf hingewiesen, dass wir uns beim Gebet auf den Inhalt konzentrieren sollen. Kannst du uns Näheres darüber erklären? Wenn wir uns Wort für Wort jede Bitte des Vaterunsers vorstellen, wo es beispielsweise heisst: “Wie auch wir vergeben unsern Schuldnern”, kommen wir in die Versuchung, über unsere Schuldner nachzudenken, und das ist doch wohl ein Fehler.
Josef: Wer andächtig betet, kann dadurch dem göttlichen Strome, Gott näherkommen. Er zieht die heilenden Kräfte dieses Stromes zu sich. Doch das geschieht nur dann, wenn er selbst das göttliche Leben vor Augen hat, wenn er seinen Gebeten entsprechend auch Taten vollbringt. Er muss aus dem Gebet täglich so viel Kraft schöpfen, um göttlich leben zu können. Er muss durch das Gebet befähigt werden, Unrechtes zu unterlassen; er muss also, wenn er in Versuchung kommt, sich darauf besinnen können, dass ihm dies nicht erlaubt ist. Das Gebet muss lebendig in ihm werden, damit ihn diese lebendige Kraft tagsüber zum Guten ermahnt. Er muss die Nähe Gottes fühlen, in die er durch das Gebet gelangt ist. Das ist das Wichtige. Nur schnell abends und morgens ein Gebet verrichten, nur dass gebetet worden ist, ohne dabei etwas zu denken, ist nicht von Erfolg gekrönt.
Freilich ermahnen wir die Menschen immer wieder zum Gebet; sie sollen darin nicht nachlassen. Der Mensch muss so weit kommen, dass er ohne dieses Gebet gar nicht mehr leben kann. Er muss die Kraft des Gebets spüren. Dadurch, dass er oft betet, muss er befähigt werden, das Unrecht zu lassen. Er muss die Kraft bekommen, erkennen zu können, was er nicht tun darf. Diese Kraft wird ihm auch übermittelt, indem er eben das Gute tut, die Werke tut. Beten allein nützt nichts. Wenn göttliche Werke getan werden, dann ist das Gebet wirkungsvoll.
Es kommt nicht so sehr darauf an, dass man lange an diese Dinge zu denken braucht [die Gegenstand des Gebetes sind]. Solches eignet sich in wunderbarer Weise zur Meditation, um sich zu stärken. Wer einmal einen gewissen Punkt des geistigen Aufstieges erreicht hat, weiss, was er mit einem Gebet gewinnt. Deshalb wird er dies immer mehr pflegen, denn durch die Kraft, die so aus dem Gebete gewonnen wird, kann viel Unreines im Menschen vernichtet werden. Er wird gesünder an Leib und Seele. Denn die Feinheit, die er zu sich führt, hat die Kraft, das Unreine des Körpers aufzulösen.
Der Mensch kann um sich ein wunderbares, herrliches Paradies erschaffen. Er zieht all diese herrlichen Fäden und all diese heilenden Kräfte in seine Nähe durch sein edles, göttliches Leben. (6.7.1955)
Lieber Bruder Josef, du hast gesagt, Gott führe die Menschen nicht in Versuchung. Aber im Vaterunser steht: “Und führe uns nicht in Versuchung.”
Josef: Das ist nur ein Fehler, der durch die Übersetzungen entstanden ist. Gott führt die Menschen nicht in Versuchung, sondern es sind diese tiefen Mächte, die immer bereit sind, an den Menschen heranzudringen, um ihn in Versuchung zu führen.
Wenn der Mensch bittet: “Führe uns nicht in Versuchung”, so könnte er ebenso gut beten: “Führe uns in der Versuchung.” Denn diese Versuchungen sind Prüfungen, die Gott zulässt. Sie kommen zu den Menschen, und der Mensch muss beweisen, dass er stark und fähig ist, eine höhere Aufgabe zu lösen. Wenn der Mensch bittet: “Führe uns nicht in Versuchung”, so will er damit bitten: “Lasse diese Prüfung von uns.” Christus hat mit diesen Worten gemeint, dass Gott nicht solch grosse Prüfungen senden möge, dass er den Menschen Stärke senden und sie in den schweren Stunden der Prüfungen führen möge. Christus meinte mit diesen Worten weiter, dass Gott die Engel zu den Menschen sende, um ihnen alle Kraft zu geben, auf dass die Engel Gottes Sieger bleiben und nicht diese düsteren Wesen aus der Tiefe. Ihr sollt wissen, dass diese düsteren Mächte immer bereit sind, zu jedem Menschen zu gehen. Wenn aber der Mensch darum bittet, wird er eben gestärkt mit der Gotteskraft. Engel Gottes werden bei ihm wohnen, und so wird die Versuchung an ihm vorübergehen können. Denn wenn so viele Engel Gottes einen Menschen beschützen, getraut sich ein solch düsteres Wesen nicht oder viel weniger an diesen Menschen heran. Es wird es schon probieren, doch es wird immer wieder zurückweichen müssen. Denn die Engel Gottes können einem Menschen Schutz geben und eine grosse Macht ausüben. Sie werden um ihn eine Mauer bilden und sie so feurig machen, dass diese düsteren Wesen mit ihrer Versuchung nicht an einen solchen Menschen herankommen können. (1950)
Das Vaterunser ist das schönste Gebet der Christenheit. Überall kann man es im Stillen verrichten und innerlich mit dem Göttlichen verbunden sein. Im Vortrag vom 16. September 1978 erklärte Geistlehrer Josef:
Christus sagte: “Wenn ihr betet, tut es nicht wie die Heiden” (Mat. 6, 7). Ihr braucht Gott oder Christus nicht zu erzählen, welche Not auf der Welt ist und was ihr haben müsst, denn das wissen sie längst. Bittet um das tägliche Brot, betet das Gebet, das Christus gegeben hat, das alles enthält, was man Gott zu sagen hat – es ist das wunderbarste und schönste Gebet (Mat. 6, 9–13). Man bittet um das tägliche Brot, dass einem diese Leihgabe erhalten bleibt. Man bittet Gott um Vergebung und verspricht, dem andern auch zu vergeben. Darüber sollte man sich im Klaren sein, wenn man Gott bittet, er möge einem die Schulden vergeben, so wie man selbst auch bereit ist, dem andern zu vergeben. Denn wie mancher betet: “Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern”, aber selbst vergibt er seinem Schuldner nicht.
Dieses Gebet kann man in der Stille überall verrichten. Man kann es an seinem Arbeitsplatz tun, wenn es eine geeignete Zeit dafür gibt; aber man soll es nicht so tun, dass es die andern sehen und merken. Man soll innerlich mit dem Göttlichen verbunden sein. Das Inwendige soll aussehen wie ein Tempel Gottes; das Inwendige soll stets geschmückt und gereinigt sein, damit man bei euch Wohnung nehmen kann, wie Christus es sagte, dass er mit seinem Vater bei euch Wohnung nehmen möchte (Joh. 14, 23). Dieses ist bildlich gesprochen und heisst nichts anderes: Wenn ihr in der Wahrheit lebt und mit uns verbunden seid, so wacht über euch der Segen. Es sind die Engel Gottes, die den Menschen umgeben, denn sie führen aus, was ihnen gesagt wird, was als Befehl von Gott oder Christus ausgeht. So tragen die Engel das Göttliche in das Inwendige des Menschen: Kraft, Mut und Zuversicht und – was wohl sehr bedeutungsvoll ist – die höheren geistigen Erkenntnisse. Dies alles soll in das Inwendige hineingetragen werden. So findet man den Weg – den Weg zum Vollkommenen. Auch das wollte Christus; er wollte doch, dass die Menschen den Weg zur Vollkommenheit finden, das heisst nichts anderes, als immer wieder zu verbessern, um näher zu Gott zu kommen.
Heft 3/2021
21 Seiten, 21 × 29,7 cm